Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 10

04. September 2018, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Hat schon mal ein Wissenschaftler erforscht, woran es liegt, dass immer nur unsere Lieblingspflanzen scheinbar grundlos und trotz aller Bemühungen und guter Pflege einfach dahinsiechen und sterben? Und das, während die nicht ganz so beliebten Pflanzen, die wenige Zentimeter daneben wachsen, vor Gesundheit nur so strotzen und sich rasend schnell ausbreiten. Sie kennen das sicher: Da hat der arme Gartenmensch sich das ganze Jahr geplagt und seine Lieblinge fleißig gegossen, gedüngt, mit Kompost und Mulch versorgt, stundenlang Unkraut gejätet, die Schnecken aus seinen Beeten gesammelt, hohe Stauden liebevoll aufgebunden, Verblühtes ausgeschnitten, täglich seinen Gartenrundgang gemacht und mit seinen Lieblingen gesprochen, sie bewundert und zum Wachsen und Blühen ermuntert. Und trotzdem passiert es immer wieder: Die wunderschöne Glockenblume von Tante Erna geht einfach ein, der liebevoll betreute Ableger der netten Gartenbesucherin welkt traurig vor sich hin und wo ist die hellrosa Monarde geblieben, die im letzten Herbst geteilt werden musste, weil sie zu groß war? Falscher Standort, zu schattig, zu trocken, zu viel Dünger, zu wenig, zur falschen Jahreszeit verpflanzt oder sind womöglich mysteriöse Schädlinge schuld? 

Ich werde dann aktiv. Frage Pflanzenexperten um Rat, ziehe diverse Fachliteratur zu Rate und recherchiere nächtelang im Internet. Manchmal setze ich den kläglichen Rest der Pflanze noch an einen neuen Standort oder er kommt in einem Topf mit besonders guter Erde auf die »Intensivstation«, eine meiner schattigen Gartenecken, neben ein paar Leidensgenossen, die hier ebenfalls leise vor sich hin sterben. Nach dem Motto: »Jeder Pflanze eine Chance«. Zurück bleibt eine traurige Lücke im Beet und das Gefühl, hoffnungslos versagt und sich zu wenig gekümmert zu haben, weil es mir nicht gelungen ist, diese Pflanze am Leben zu erhalten. Und wenn ich dann genau diese Pflanze in einem anderen Garten entdecke und der Besitzer stolz verkündet, sein Exemplar überhaupt nicht zu pflegen und zu gießen, ist mein gärtnerisches Ego auf dem Nullpunkt angelangt. 

Dabei ist es ganz normal, dass Pflanzen eingehen. Mal handelt es sich einfach um kurzlebige Stauden, manchmal haben Schnecken oder kaltes, nasses Wetter die Schuld, manchmal stehen sie zu schattig oder zu trocken. Das wissen wir Gartenenthusiasten alles und nehmen es traurig zur Kenntnis. Die vielen Gärtnereien müssen ja schließlich auch leben! Aber warum rafft es immer die besonderen Lieblinge dahin? Pflegen wir sie zu Tode? Bemerken wir das Verschwinden nicht ganz so geschätzter Pflanzen gar nicht oder mindert es unser gärtnerisches Ansehen, wenn wir es nicht schaffen, diese besondere, seltene und oft recht kostspielige Pflanze am Leben zu erhalten? 

Mir ist im vergangenen Winter viel erfroren und als ich meinen armen Mann in den Garten holte, um ihm die Ohren vollzujammern darüber, wie leer doch nun das schöne Beet aussieht, weil diese eine besondere Pflanze jetzt fehlt, meinte er nur achselzuckend: »Sieht man doch gar nicht, pflanz’ einfach etwas anderes.« Das werde ich tun. Natürlich wird es wieder eine Lieblingspflanze sein. Und sie wird überleben. Dieses Mal ganz bestimmt. Jeder Pflanze ihre Chance.