Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 11

06. November 2018, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Pflanzen können ja bekanntlich auf viele verschiedene Arten vermehrt werden: durch Aussäen oder durch Teilen der Stauden zum Beispiel. Und man kann von vielen Arten Stecklinge machen oder Ausläufer abstechen. Aber kennen Sie schon die »Handtaschenvermehrung«? Dafür benötigen Sie folgende Ausrüstung, die Sie bei einem Ausflug oder einer Gartentour unbedingt dabeihaben sollten: Zuerst natürlich eine große Handtasche und ein paar Taschentücher und Plastiktüten, um »gefundene« Blumensaat, kleine Ableger oder blitzschnell abgezwickte Zweiglein, die als Stecklinge dienen sollen, sicher verstauen zu können. Richtige Profis haben ein kleines Messer, Tupperdosen mit Deckel oder eine Schaufel dabei. Ein Eimer, eine Wasserflasche oder sogar ein Klappspaten bleiben besser im Auto verborgen. Man will sich ja nicht erwischen lassen.

Ist das jetzt etwa ein Aufruf zum Pflanzenstehlen und sollten jetzt Gartenbesitzer nicht mehr ihre Gärten öffnen, weil fremde Besucher einfach alles ausbuddeln, was sie gerne haben wollen? Nein! Denn natürlich ist das nicht ernst gemeint. Aber jeder Gartenbesitzer, der seine Pforten für Besucher öffnet, weiß, dass er besonders kostbare Saat vorher erntet oder mit einer Papiertüte schützt. Und von besonders begehrten Pflanzen topft er sicherheitshalber ein paar Ableger ein, die er großzügig weitergeben kann. Ganz einmalige Schätze hingegen werden versteckt und nur ausgewählten Besuchern gezeigt. Das schont den Pflanzenbestand und die »gefundenen« Ableger vertrocknen nicht in einer dunklen Tasche, sondern sie bekommen in anderen Gärten ein neues Zuhause und werden – vielleicht – weitergegeben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass trotzdem nach diversen Gartenbesuchsterminen bei mir oft ein paar Sämlinge, die zu dicht am Weg standen, fehlen, und die Anzahl der Mohnkapseln auch weniger geworden ist. Die hübsche Buntnessel ist nicht selten ordentlich zurechtgestutzt und die Schale mit den besonderen Saxifraga nicht mehr ganz so voll. Ein Grund sich zu ärgern? Für mich nicht. Ich finde es nicht schlimm, bemerke es mit einem Schmunzeln und hoffe, dass die Ableger gut versorgt werden und woanders weiterwachsen. 

Ich habe, wenn ich es recht bedenke, noch keine bösen Erfahrungen mit Gartengästen gemacht. Gartenmenschen sind, meiner Meinung nach, ein sehr großzügiger Menschenschlag und geben gerne Ableger, Stecklinge, Saat, Pflegetipps und eigene Erfahrungen an Gartenbesucher weiter. Ich glaube, nirgendwo wird so viel hin- und hergetauscht und verschenkt wie in der Gartenszene. Und wie viel Freude habe ich immer, wenn ich durch meinen Garten gehe und die Primel von Gertraude oder Tante Ernas Rose blühen sehe. Beide »Spenderinnen« leben schon lange nicht mehr und ihre Gärten gibt es nur noch in meiner Erinnerung. Auch die vielen, vielen Ableger und Stauden, die ich von Gartenfreunden bekommen habe, sind etwas ganz Besonderes für mich, weil ich mit den Pflanzen immer ein schönes Andenken behalte an einen außergewöhnlichen Tag und an liebe Menschen. Und die zauberhafte Rose, die mir eine sehr nette Gartengruppe einmal geschenkt hat, ist für mich irgendwie viel wertvoller als eine, die ich mir selbst gekauft habe und die natürlich nicht weniger prächtig blüht. Aber ihre Blüten tragen eben keine dieser vielen schönen Erinnerungen.