Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 13

05. März 2019, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Rehe sind ja bekanntlich hübsche scheue Tiere mit glänzenden großen Kulleraugen und kaum jemand kann dem Charme des neugeborenen Bambi-Nachwuchses mit seinen staksigen langen Beinen widerstehen. So süß! In dieser Jahreszeit bin ich noch sehr tolerant, wenn sie unseren Garten aufsuchen, und beobachte die gar nicht mehr so scheuen Tiere mit angehaltenem Atem vom Fenster aus. Was machen schon ein paar abgebissene Triebe des neu gepflanzten Apfelbaums? Und die Tulpen, die haben in diesem Jahr auch eh keine Blüten mehr. Schade um die frisch gesetzten Hornveilchen, aber bald gibt es im Wald ja auch viel frisches Grün und dann haben die Rehe dort endlich genug zu fressen.

Spätestens im Mai, wenn die ersten Rosenknospen sorgfältig abgefressen und der Phlox von den Vierbeinern ordentlich gestutzt wurde, ist dann aber Schluss mit meiner Toleranz. Ich möchte die niedlichen Plagegeister wieder loswerden. Aber wie? Ein paar Flatterbänder aus Metallfolie oder Plastik? Stündliches kräftiges Händeklatschen? Menschenhaare oder vergorene Milch im Beet, damit sie verduften? Oder laute Musik, Trillerpfeife und teure Wildverbissmittel aus dem Fachhandel? Alles leider wenig von Erfolg gekrönt. Nach zwei Tagen sind die Feinschmecker wieder da und bringen auch ihren Nachwuchs mit. Rehe sind standorttreu und wissen genau, wann es sich lohnt, in welchen Gärten vorbeizuschauen. Als Jägersfrau werde ich oft gebeten, meinen Mann »doch mal mit seinem Gewehr vorbeizuschicken«. Aber entgegen der gängigen Meinung schießen Jäger nicht einfach alles ab, sondern halten sich an einen von der Jagdbehörde erstellten Abschussplan. Alte und kranke Tiere werden zuerst erlegt, es gibt Schonzeiten und überhaupt strenge Regelungen darüber, was wann und wo erlegt werden soll. Und kein Jäger darf einfach in einem »umfriedeten Bezirk«, also einer Wohngegend, schießen und riskieren, mit einem abgeprallten Geschoss aus Versehen seinen Nachbarn zu erlegen. 

Und jetzt, frage ich mich verzweifelt? Keine Blumen mehr, aber dafür glückliche Rehe im Garten? Wo viel freie Natur ist, sind nun mal auch Rehe – und die fressen nur zu gerne etliche Blumen, an denen des Gärtners Herz hängt. Eine Möglichkeit: sich mit den Vorlieben und Abneigungen der Rehe arrangieren. Man kann Beete mit Kies einfassen, weil Rehe ungerne über diese kleinen Steine gehen, und man kann Blumen, auf die man unmöglich verzichten will, versteckter und weiter hinten pflanzen. Auch Hornspäne oder der stinkende Horngries helfen – für kurze Zeit. Aber die sicherste Abschirmmethode ist ein bis zum Boden reichender, engmaschiger und ca. 1,50 bis 2 Meter hoher Zaun. Den könnten die Rehe zwar überspringen, das tun sie aber nur, wenn sie in Panik geraten. So einen Zaun zu bauen ist viel Aufwand, aber denken Sie mal an die Abwehrmaßnahmen gegen eine Wildschweinrotte. Dagegen ist das ein Kinderspiel.

Soweit meine schlaue Theorie. Die Praxis in meinem Garten sieht allerdings anders aus. Denn auf unserem Grundstück befindet sich das Damhirschgehege meines Mannes. Und wenn man nach dem Füttern der Tiere die Gattertür nicht ordentlich verschließt, was ab und an passiert, nützt auch ein Zaun nicht viel. Ich wollte vor Kurzem nach dem morgendlichen Füttern der Damhirsche meine Pflanzen im Folientunnel gießen. Genüsslich kauend kam mir von dort unser handzahmer weißer Damhirsch entgegenspaziert. Zum Glück ist unser »Dicker« sehr gutmütig und ließ sich mit einer Handvoll Schrot, ein paar freundlichen Worten und etwas Schieben wieder in sein Gatter befördern. Meine frischgetopften Rosen aus dem Folientunnel werden aber in diesem Jahr leider nicht mehr blühen.