Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 15

02. Juli 2019, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Ein Satz aus meiner Kindheit geht mir noch heute regelmäßig im Kopf herum: »Wer keine Arbeit hat, der macht sich welche.« Den bekamen wir immer zu hören, wenn Omi sich in ihrem Gemüsegarten mit dem Unkraut abplagte, weil die eine Woche vorher so sorgfältig ausgehackte Vogelmiere nach dem letzten Regenguss nicht nur hundertprozentig wieder angewachsen war, sondern auch schon wieder neue Saat verstreut hatte. Also hieß es für sie: alles wieder von vorne, das Unkraut dieses Mal ordentlich aufgesammelt und in einen Eimer geworfen. Hätte man ja auch gleich machen können.

So ähnlich erging es mir in diesem Jahr. Weil ich Frühjahrsblüher so liebe und es im kalten Februar und März so herrlich ist, durch einen blühenden Garten zu schlendern, sind alle meine Blumenbeete angefüllt mit Tausenden von Schneeglöckchen, Blausternen, Sternhyazinthen, Gelbsternen, Winterlingen und Krokussen in vielen Sorten. Im Mai kommt dann die Ernüchterung, denn zwischen meinen in frischem Grün austreibenden Stauden und Gräsern guckt mich das hässliche, welke Laub der Zwiebelblumen an. Während Schneeglöckchen-Laub oft einfach zwischen den Stauden verschwindet, produzieren Sternhyazinthen und Elfenkrokusse inzwischen so große Mengen an welkem oder matschigem Laub, dass ich immer 40 bis 50 Schubkarren Zwiebellaub mühevoll aus den Beeten sammele, damit auch ja alles ordentlich aussieht. Und jedes Jahr verkünde ich voller Überzeugung: »Im nächsten Jahr bleibt das alles in den Beeten, egal wie hässlich es aussieht!«

Vor einigen Wochen fiel mir dann auf, dass in einigen Beeten ein richtiger Teppich verdächtiger Sämlinge zwischen dem Zwiebellaub auftauchte. Es waren gefühlt Millionen von kleinen Brennnesseln. Wegen der großen Trockenheit im vergangenen Jahr hatte ich meine Beete mit Rindenmulch, Grasschnitt und eigenem Kompost gemulcht, um meine armen Stauden irgendwie zu retten und die Feuchtigkeit im Boden zu halten. Rindenmulch war prima. Und wo ich mit Grasschnitt gemulcht hatte, kamen – wer hätte es gedacht – viele kleine Grassämlinge hervor, ließen sich aber leicht entfernen. Der Kompost aber war keine gute Idee. Dank der ausgedehnten Brennnesselplantage auf dem Nachbargrundstück muss die ganze Saat der Nesseln wohl auf meinem Kompost gelandet sein und ich habe sie dann großzügig in meinen Beeten verteilt. Mit im Frühjahr oder Herbst verteiltem eigenem Kompost hatte ich noch nie Probleme und war immer in der glücklichen Situation, dank meiner dichten Bepflanzung wenig Unkraut zu haben. Nun, in diesem Jahr habe ich dann nicht nur wieder das ganze Zwiebellaub mühselig aus den Beeten gepult, sondern dabei noch eine ganze Armada von unerwünschten Minibrennnesseln einzeln aus den Stauden herausgesammelt. Während ich mit schmerzendem Rücken vorsichtig, wie ein Storch im Salat, zwischen meinen Stauden herumbalanciert bin, habe ich festgestellt, dass meine Fü.e für solche Arbeiten einfach zu groß sind. Ständig bin ich auf irgendeine arme Funkie getreten oder habe ein Allium oder eine Lilie abgebrochen. Ich wünschte mir, es gäbe eine Hängevorrichtung für jätende Gärtner, mit der man bequem über den Beeten hin- und herschweben könnte, ohne irgendetwas zu zertreten.

Inzwischen sind alle Beete durchgeputzt, sehen ordentlich aus und die zertrampelten Stauden erholen sich auch wieder. Mein Vorsatz für nächste Jahr dürfte aber nun jedem klar sein: Es wird nur mit gekauftem und hoffentlich brennnesselfreiem Kompost gemulcht. Und das Zwiebellaub, also das bleibt dann ganz bestimmt in den Beeten.