Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 2

05. Mai 2017, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Um diese Jahreszeit möchten alle Gartenmenschen wohl die Zeit anhalten. Zum einen ist jetzt viel zu tun, zum anderen passiert so viel um uns herum, dass ein normaler Tag gar nicht ausreicht, um alles in uns aufzunehmen und zu genießen. Die Funkien entfalten ihre Pracht und müssen vor den gefräßigen Schnecken beschützt und gedüngt werden. Meine unzähligen Sämlinge im Folientunnel warten darauf, endlich in die Beete oder in größere Töpfe gepflanzt zu werden. Alles wächst so schnell und muss gestützt und aufgebunden werden. Meine neuen Iris blühen zum ersten Mal. Wunderbar!

Vor allem aber freue ich mich über meine Lieblinge, die „Alten Rosen“. Das ist der gängige Name für Rosensorten, die vor 1867 gezüchtet wurden und die jetzt mit der Blüte beginnen. Ja, sie werden oft sehr hoch, sie sind anfällig für Sternrußtau, manche Sorten produzieren viele Ausläufer, die durchs ganze Beet wandern, und sie blühen oft nur einmal im Jahr ... Aber wie sie blühen! Vier bis sechs Wochen lang und so üppig, in wunderschönen Rosa- und Weißtönen, in verwaschenem Mauve und samtigen Lila. Farben wie Rotwein, Brombeermarmelade oder Samt, mit einfachen Blüten oder dick gefüllt. Sie haben so schöne Namen wie Reine de Violettes, Gloire de Dijon oder Maidens Blush und die ältesten unter ihnen sind über fünfhundert Jahre alt. Und dann erst ihr Duft ... unglaublich! Ich mag abends gar nicht ins Haus gehen und schnuppere mich immer wieder von Strauch zu Strauch.

Natürlich gehöre ich auch zu den Gartenmenschen, die früh am Morgen mit einem Kaffeebecher in der Hand durch ihren Garten schlendern und erst einmal jede neue Blüte begrüßen müssen. Das ist ja schon der Klassiker und wird inzwischen auch von „Nichtgartenmenschen“ toleriert, aber um diese Jahreszeit mag ich mich auch abends gar nicht von meinen Lieblingen trennen und schleiche mich oft noch einmal heimlich aus dem Haus und in den spätabendlichen Garten, um dem Spott meiner Familie zu entgehen. Liebe Leserinnen und Leser, wenn sie das nachahmen möchten, weil Nachtviolen, Lilien und Rosen in der Dämmerung noch so viel betörender duften als am Tag, dann achten sie bitte auf korrekte Bekleidung! Deponieren sie einen Ersatzhausschlüssel und eine warme Jacke an einem geheimen Ort,  denn sonst kann es ihnen ergehen wie mir im letzten Juni. Todmüde, auf dem Weg ins Bett, kam mir spätabends die Idee, doch noch einmal eine Schnupperrunde durch den Garten zu drehen. Mein Mann saß bereits seit Stunden auf irgendeinem Jagdsitz im Wald herum und würde erst spät nach Hause kommen, die Töchter lümmelten sich vor dem Fernseher. Ich konnte mich also unbemerkt in meinen Garten schleichen und noch eine ganze Weile seinen nächtlichen Charme mit all seinen Geheimnissen genießen.

 Als es dann endlich selbst für mich zu dunkel und zu kalt wurde und ich nur noch ins Bett fallen wollte, war die Haustür verschlossen, alle Lichter aus und trotz Klingeln, Klopfen und Rufen rührte sich im Inneren des Hauses rein gar nichts. Mein Handy lag gemütlich in der Küche und mein Haustürschlüssel steckte ordnungsgemäß von innen im Schloss. Zum ersten Mal hatte eines der Kinder die Haustür am Abend ordnungsgemäß abgeschlossen. Nein, ich war nicht im Schlafanzug. Zum Glück. Denn so konnte ich in korrekter Bekleidung mit dem Fahrrad ins Dorf radeln, die Freundin meiner Tochter aufsuchen und sie bitten, so lange bei meiner Tochter anzurufen, bis diese wach wurde und ihre fast erfrorene Mutter wieder ins Haus ließ. Den Kommentar meiner Familie lasse ich jetzt einfach mal weg. Ich habe ja auch mitgelacht. Und die Moral von der Geschichte: Deponiere einen Haustürschlüssel im Garten, bevor du dich nachts heimlich in den Garten schleichst, um an deinen wunderbaren Rosen zu schnuppern.