Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 3

04. Juli 2017, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Ich bin erneut erwischt worden. »Naaa ... gießt du schon wieder? Die schnacken ja von Regen diese Woche ... Was hast du denn jetzt noch gepflanzt? Ist doch alles voll?« Mit einem mitleidigen Blick auf meine Beete spaziert der Nachbar von dannen. Ja, ich habe die Akeleien und einen Teil meines Frauenmantels im Vorgarten zurückgeschnitten und die entstandenen unwillkommenen Lücken mit extra ausgesäten Cosmeen und Verbenen bepflanzt und die muss ich jetzt natürlich kräftig angießen. Und weil mir klar war, dass irgendjemand aus der Nachbarschaft mich wieder beim Gießen beobachtet und sich fragt, was das denn schon wieder soll, da es doch bald, irgendwann, vielleicht diese Woche, bestimmt regnen wird, habe ich die Schubkarre mit den leeren Töpfen gut sichtbar auf dem Hof stehen lassen. Ich mag nämlich keine Lücken in meinen Staudenbeeten und habe immer einige Ersatzpflanzen in passenden Farben im Folientunnel deponiert, um jederzeit eingreifen zu können. Und außerdem ist mein Garten fast immer knochentrocken, vor allem der sonnige Vorgarten.

Eigentlich bin ich immer dabei, um-, neu- und dazu zu pflanzen. Auch deshalb gieße ich sehr oft und hoffe auch auf Regen. Damit meine ich natürlich nicht den schleswig-holsteinischen Dauerregen mit Sturm und Kälte, sondern den von Gartenmenschen ersehnten warmen Landregen, der abends, wenn die Gartenarbeit beendet ist, einsetzt und pünktlich am Morgen aufhört und uns einen herrlichen Sonnenaufgang mit duftender, warmer Erde beschert. Und während ich versonnen mit meinem Wasserschlauch meine neuen Pflanzen angieße, ab und zu verdächtige Sämlinge aus meinen Beeten ziehe, die wahrscheinlich von Außerirdischen über meinem Garten abgeworfen wurden, stelle ich mir vor,

wie schön die Beete in ein paar Wochen aussehen werden, wenn endlich die Rudbeckien blühen. Erwartungsfroh nennt man das wohl. Ein schönes und treffendes Wort für Gartenmenschen. Irgendwie warten wir doch immer: Wir warten auf den Frühling, auf warmes Wetter, darauf, dass die Sämlinge keimen, dass sie blühen, dass es regnet, dass es aufhört zu regnen, dass die Rosen blühen, dass der Efeu die hässliche Wand bedeckt, dass die Erdbeeren reif werden, dass der neu gepflanzte Baum das Nachbarhaus verdeckt. Natürlich freuen wir uns über das Jetzt und genießen jede Stunde im Garten. Außer, wenn wir den Giersch aus Nachbars Garten endlich auch in unseren Beeten entdecken. Aber die meiste Zeit warten wir auf etwas ... 

Gärtnern wird ja bekanntlich ein langes Leben vorhergesagt und ich glaube, dass muss auch so sein, denn wir pflanzen Bäume, die erst nach Jahren richtig schön sind oder Früchte tragen, wir setzen Tulpenzwiebeln in die Erde und warten ein halbes Jahr, bis wir sie wiedersehen, säen Zweijährige aus und warten, bis sie, wie der Name schon sagt, in zwei Jahren blühen. Und wie oft warten wir vergeblich: Die Schnecken fressen unsere Lieblingsdahlie, die Rose von Tante Frieda ist einfach erfroren, nach 15 Jahren pflegen und schneiden stirbt uns der gesamte Buchsbaum unter den Händen weg und dann leiden und trauern wir, reißen alles heraus und beginnen von vorne. Ich habe gerade zum fünften Mal eine gelbe Wild-Clematis, die in allen anderen Gärten herrlich wuchert, neu gepflanzt. Und nun warte ich. Wir Gärtner scheinen ein Heer von wartenden Optimisten zu sein.