Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 6

09. Januar 2018, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Die ersten frühen Krokusse und Schneeglöckchen gucken vorsichtig aus der Erde, ein paar besonders schöne, zart rosafarbene Lenzrosen blühen schon seit November und einige vorwitzige Primelblüten zeigen auch schon Farbe. Es ist ziemlich kalt, aber endlich mal trocken und die Sonne scheint. Also, warm anziehen und nix wie raus in den Garten. Vorsichtig lockere ich die Erde in meinen Beeten mit einem kleinen Hacker auf, befreie die herausguckenden Blumenzwiebelblätter von Kiefernnadeln und meinen Erzfeinden, den riesigen, glatten Blättern unserer großen amerikanischen Roteichen. Sie fliegen wie Papierfetzen im ganzen Garten herum, verrotten ganz schlecht und sind ein prima Versteck für Nacktschneckeneier. Tapfer sammle ich alle Blätter und gröberen Pflanzenreste in meinen Eimer. Unglaublich, wie viele Schubkarren im Laufe der nächsten Stunden zusammenkommen werden.

Natürlich findet diese Aktion auch deswegen statt, weil die Erde in den Beeten hinterher so schön dunkelbraun und locker aussieht und all meine Frühjahrsblüher dann so herrlich zur Geltung kommen. Mein Hauptziel aber ist es, versteckten Gehäuseschnecken und vor allem den Eiern der Nacktschnecken den Garaus zu machen. In meinem Garten und vor allem im gemütlichen Folientunnel, scheint sich seit ein paar Jahren die Geburtsstätte und Aufzuchtstation aller Nacktschneckenarten ganz Schleswig-Holsteins zu befinden und ich versuche so früh wie möglich, mit der Bekämpfung der schleimigen Vielfraße zu beginnen. Während ich die ersten kleinen, perlförmigen Eier aufstöbere und mit dem Hacker zerdrücke, fällt mir ein schon einige Jahre zurückliegendes Nacktschneckenerlebnis ein, das mir meine damals 4 Jahre alte, jüngste Tochter beschert hat: Nach einigen Regentagen habe ich völlig arglos ihre Regenjacke vom Garderobenhaken genommen, um sie zu waschen. Das Gewicht der Jacke ließ darauf schließen, dass sich mal wieder irgendwelche gesammelten Schätze in den gut verschlossenen Taschen befinden mussten. Automatisch habe ich kräftig auf den Taschen herumgedrückt, um festzustellen, wie viele Steine oder Tonscherben sich wohl darin befinden würden. Merkwürdig?! Das Gewicht stimmte mit meinen Vermutungen überein, aber bei dem Inhalt schien es sich um irgendetwas Weiches, Nasses zu handeln. Nasse Socken oder Taschentücher? Aber so schwer? Also noch einmal kräftig gedrückt. Erst dann habe ich neugierig den Reißverschluss der ersten Tasche geöffnet und hineingeschaut, voller Spannung, was sich denn wohl darin befinden könnte.

Ob sich jemand mein Entsetzen von damals vorstellen kann, als ich feststellen musste, dass sich mein „Sachensucherkind“ wenige Tage zuvor die Taschen mit einer, jetzt nicht mehr erkennbaren Menge dicker, schleimiger Nacktschnecken vollgestopft und ihren kostbaren Schatz dann gut versteckt an den Garderobenhaken gehängt hatte? Vor lauter Schreck und Ekel flog das Kleidungsstück mit seinem wabbeligen Inhalt erst einmal im hohen Bogen vor die Haustür. Aber die gute Jacke einfach so wegwerfen? Also habe ich tief Luft geholt und mit Handschuhen die zermatschten Schneckenleichenteile daraus entfernt. Erstaunlicherweise habe ich die Jacke wieder sauber bekommen und seither nie wieder auf Hosen- oder Jackentaschen herumgedrückt, um ihren Inhalt vor dem Waschen zu kontrollieren und zu entfernen.

Ich muss gestehen, dass ich mit Nacktschnecken nicht sehr zimperlich umgehe, aber bei dem Gedanken, dass ich die armen Tiere in den Taschen mit meinen Händen zerdrückt habe, läuft mir immer noch ein Schauer über den Rücken. Da finde ich die Methode, die Eier der Schleimtiere  beim Auflockern meiner Beete zu zerstören, doch etwas humaner. Leider erwische ich wohl viel zu wenige und unser Igelpärchen schafft es auch nicht, den Bestand wesentlich einzudämmen. Aber jetzt ist es den Schnecken zum Glück noch zu kalt und ich kann mich über meine sauberen Beete und die ersten Schneeglöckchen freuen.