Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 8

08. Mai 2018, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Für mich Gartenmensch beginnt jetzt die schönste Zeit des ganzen Jahres. Am Morgen geweckt durch den übermütigen Gesang der Vögel, locken mich die ersten Sonnenstrahlen hinaus. Ich muss einfach in den Garten, schnell eine frühe Runde darin herumspazieren, um ja nichts von der sich entfaltenden Pracht zu verpassen. Die Veilchen, das Lungenkraut bewundern, die puschelige weiße Wiesenraute, die Akeleien, die so prächtig blühen. Dazu die vielen, vielen Allium, die ich im Herbst noch zu ihren schon vorhandenen Schwestern gepflanzt habe, sie entfalten jetzt endlich ihre lila Blütensterne. Auch die 

unzähligen Funkien kommen mit ihren zarten Spitzen in Hell- und Dunkelgrün, Gelb und Lila aus der Erde hervor. Endlich ist es warm genug, um meine vielen großen Kübel mit den em-
pfindlicheren Pflanzen wie Cannas, Fuchsien und Dahlien aus ihrem Winterquartier zu holen und im Garten zu verteilen. 

Leider hat das warme Wetter auch einen klitzekleinen Nachteil: Ich muss heute gießen. Sie wissen ja, meine Anzahl an Pflanzkübeln und Töpfen wächst stetig und so sind meine Regentonnen immer ruckzuck leer. Die großen Bäume in meinem Garten sorgen zudem nicht nur für Schatten, sie saugen meinen Pflanzen auch die ganze Feuchtigkeit aus dem ohnehin schon staubtrockenen Boden weg. Alles nicht so schlimm, ich habe ja einen langen Gartenschlauch. Mit dem komme ich, wenn er abgerollt ist, sogar bis in die letzte Gartenecke. Und damit beginnt dann auch mein immer wiederkehrendes Drama: Mein Kampf mit dem Schlauch. Ordentlich zusammengerollt hängt das Ungetüm auf einer Halterung an der Garagenwand, bereit für seinen Einsatz. Doch egal, ob ich ihn mit allen Kräften heraushebe und auf den Boden fallen lasse, um ihn dann vorsichtig auseinanderzurollen, oder – in weiser Voraussicht – Meter für Meter von der Halterung nehme, um ihn ordentlich abzuwickeln, ist völlig egal. Sobald ich versuche, ihn in Richtung Garten zu ziehen, verknotet sich das schwere Ungetüm, bleibt überall hängen, reißt ein paar Kübel um, die ihm im Weg sind, schlängelt sich trotz aller Vorsicht durch meine Beete und knickt alles um, was mir besonders lieb ist. Habe ich ihn endlich dorthin gezogen, wo das Wasser dringend gebraucht wird, bin ich nicht nur genervt, sondern – dank der Sandwege, durch die ich den Schlauch gezogen habe –, auch noch total dreckig. 

Egal, die Pflanzen dürsten nach Wasser. Frohen Mutes also drehe ich den Hahn auf, um endlich meine Beete zu bewässern. Aber da kommt nichts. Nicht ein Tropfen! Man kann es sich denken: Der Schlauch hat natürlich irgendwo auf seiner Schlängeltour durch meinen Garten einen Knick. Also lege ich sein Ende vorsichtig in eines der Beete, damit das nun hoffentlich gleich sprudelnde Wasser langsam dort einsickern kann, während ich zum wiederholten Mal nach vorne laufe, um den Schlauch wieder knickfrei zu drehen. Als ich zum Schlauchende zurückkomme, hat es sich so aus dem Beet gedreht, dass das Wasser den ganzen Weg überflutet.

Irgendwann sind dann aber doch die hinteren Beete gegossen. Ich beschließe, mir zuerst einen Kaffee zu machen und danach den Vorgarten zu wässern, denn dafür muss ich den Schlauch ja wieder ganz nach vorne ziehen, was, wie Sie sich denken können, bedeutet: Das Drama beginnt von vorn. Als ich gewappnet mit meinem Kaffeebecher herauskomme und ans Werk gehen will, hat mein Mann gerade den Schlauch wieder ordentlich auf die Halterung gerollt. Auf meinen verzweifelten Einwand, dass ich ja noch gar nicht fertig bin, erwidert er nur: »Übermorgen soll es sowieso regnen.« Männer sind ja so praktisch.