Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 9

03. Juli 2018, Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Ab Mitte Juli beginnt für mich immer die ruhigere Zeit der Gartenarbeit. Das Auspflanzen, Angießen, Anbinden und Entfernen des hässlichen Blumenzwiebellaubes, das Unkrautentfernen und Sämlingeeintopfen sind erledigt. Das Gießen und Abschneiden verblühter Stauden und Blüten kann auch mal zwei Tage verschoben werden, geregnet hat es auch gerade und ich habe endlich mal Zeit, mir andere Gärten anzusehen und mit gleichgesinnten Gartenmenschen durch verschiedene grüne Oasen zu schlendern. 

Während man ja oft dazu neigt, im eigenen Garten irgendwann nur zu sehen, was noch unbedingt gemacht werden muss, kann man fremde Gärten ganz anders genießen. In meinem Garten sehe ich zum Beispiel ständig die Stellen, wo die Schnecken wieder einmal alles abgefressen haben. Immer wieder schaue ich verzweifelt zu der traurigen Lücke, in der im letzten Jahr noch die schöne Strauchmalve geblüht hat. In fremden Gärten bin ich immer viel entspannter. Giersch und Brennnesseln in den Beeten, jede Menge Totholz in den vernachlässigten Rosenbüschen, halbvertrocknete, umgeknickte Stauden in den Beeten? Im eigenen Garten fände ich das richtig schlimm! Sofort würde ich eine Nachtschicht einlegen, um den Makel zu beheben, aber als Besucherin anderer Gärten kann ich mich entspannt an jeder schönen Glockenblume erfreuen, die tapfer aus der Quecke herausguckt. Ich murmele etwas von »Handlungsbedarf«, setze mich gemütlich auf eine Bank und genieße den schönen Garten. 

Manchmal stehe ich auch voller Neid in einem Garten mit üppigen Stauden, moosgrünem Golfrasen, eleganten Gartenmöbeln, tadellos geschnittenen Buchshecken und überlege, wem ich wohl meine Seele verkaufen müsste, um auch so einen Vorzeigegarten zu besitzen. Gerade vor Kurzem erging es mir wieder so, als ich in einem Garten mit feuchter Lehmerde zu Gast war und staunend vor einem zwei Meter hohen Miscanthus »Morning Light« stand, der bei mir selbst im Kübel nur eine geringe Überlebenschance hat. Dazu blühten dort üppige Hortensienbüsche, gewaltige englische Rosen und wunderschöne Ligularien, an die ich für mein grünes Refugium nicht einmal zu denken wage.

Als ich mein Lob über die üppige Pracht zum Ausdruck gebracht hatte, klagte mir der Gartenbesitzer sein Leid über den schweren Boden und dass er im vergangenen Jahr nicht Rasenmähen konnte, weil der Boden so nass gewesen war. Und die Königskerzen und Scabiosen seien auch wieder eingegangen. Und Tulpen könne er nur in Töpfen ziehen. Und die Ligularien, die ich gerade so bewundert habe, die flögen demnächst raus, weil sie ja wuchern würden wie die Pest! 

Ja, wir Gartenmenschen sind schon ein komisches Volk. Immer wollen wir genau das im Garten haben, was partout nicht dort wachsen will. Und fühlt sich endlich mal eine Pflanze so wohl, dass sie sich ausbreitet, fliegt sie auch schon wieder raus, weil sie ja wuchert und dann muss irgendetwas Seltenes, Teures und Empfindliches her. 

Wenn ich nach so einem Gartenausflug nach Hause komme und meinen Garten mit »frischen Augen« und etwas Abstand betrachte, bin ich richtiggehend geerdet. Und dann doch immer wieder ziemlich glücklich und zufrieden mit meinem kleinen Paradies ... nur der Boden könnte etwas lehmiger sein.