Mein Landleben - Folge 11: Weihnachten auf dem Land

05. November 2013, Harriet Heise - Mein Landleben, Harriet Heise

 

Es war noch im September; morgens war es zum ersten Mal dämmerig, als ich die Kinder weckte. Da guckte mein mittlerweile 14 Jahre alter Sohn aus dem Fenster und sagte begeistert: „Nun ist auch bald wieder Weihnachten.“ Und auch als ich ihn etwas bremsen wollte und ihm vorrechnete, dass es noch etwa drei Monate hin sei, blieb er fröhlich: „Ich weiß auch schon, was ich mir wünsche!“

Weihnachten auf dem Land ist aber auch wirklich besonders schön und stimmungsvoll. In den ersten Jahren in unserem neuen Haus hatten wir besondere Freude daran, den Weihnachtsbaum selbst zu schlagen – im gräflichen Forst direkt nebenan. Wobei das nicht immer ganz einfach war: Während andere Paare häufig schön fröhlich lachend an der Glühweinbude standen, waren mein Mann und ich immer noch auf der Suche nach dem perfekten Baum. Der eine hatte eine schiefe Spitze, der nächste war an der Seite kahl und beim dritten waren die Zweige nicht  malerisch nach oben gebogen. Als wir endlich eine wunderschöne Nordmanntanne mit vorbildlichem Wuchs gefunden und abgesägt hatten, waren wir stolz auf dem Weg zum Auto. Da wisperte eine Familie hinter uns respektvoll: „Guckt Euch diesen Riesenbaum an – der ist bestimmt für eine Kirche.“ Wir hatten uns tatsächlich etwas in der Größe vertan und mussten die unteren beiden Etagen der Tanne absägen. Der übrige Rest sah dann doch etwas durchschnittlich aus – das hätten wir schneller haben können.

Auch mussten wir erst lernen, dass man mit Tieren im Haus etwas vorsichtiger mit manchen Dekorationen umgehen sollte. In unserem Weihnachtsbaum hingen immer kleine Pfefferkuchen-Herzen an roten Bändern. Am ersten Fest mit Hund hingen nur noch rote Bändern in den unteren Regionen – die Pfefferkuchen hatte Doderer mit viel Sorgfalt aus dem Baum genascht. Seitdem gibt es bei uns unten am Baum nur noch langweilige Schleifen. Auch hatten wir lange Zeit eine sehr unternehmungslustige Katze, die zu gern ganz oben in der Spitze mit den schönen roten Kugeln gespielt hat. Dabei hat sie einmal Heiligabend den gesamten Baum umfallen lassen. Seitdem haben wir sehr viel weniger rote Kugeln und einen Tannenbaumständer, der so schwer ist, dass wir ihn nur zu zweit unter Aufbietung aller Kräfte ins Haus bekommen. Bei uns heißt es immer, wenn erst einmal der Tannenbaumständer im Haus ist, sind die restlichen Vorbereitungen fürs Fest ein Klacks.

Und dann ist es soweit – Heiligabend. Alles ist geschmückt, im Ofen schmurgelt der Braten, die Kerzen am Tannenbaum brennen. Meine Kinder behaupten ja immer wieder, das Schönste an Weihnachten sei das Zusammensein der Familie und die gute Stimmung. Aber letztes Jahr stellte mein jüngerer Sohn sich vor die gesamte Familie und sagte selbstbewusst: „Okay, ich kann Euch jetzt noch etwas auf dem Klavier vorspielen. Oder wir kommen gleich zur Sache und gucken uns endlich die Geschenke an!“

Währenddessen hatte mein Hund übrigens ein Paket Marzipankartoffeln in einer Handtasche auf dem Boden entdeckt und vernichtet. Soweit zur besinnlichen Stimmung.