Mein Landleben - Folge 15: Von Spinnen und Ratten

01. Juli 2014, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Wir haben einen Freund, der ist groß, sportlich, erfolgreich – ein Mann, den eigentlich nichts erschüttern kann. Mit einer ganz kleinen Ausnahme: Spinnen. Und es ist nicht nur so, dass er sie nicht anfassen mag oder ungern in seiner Nähe hat. Nein, er hat richtiggehend Angst vor den Tieren. Zu Hause ist er nicht bereit, sich in einem Zimmer mit einer Spinne aufzuhalten; erst wenn seine Frau das Tier entfernt hat, betritt er den Raum wieder. Und nun können Sie sich natürlich vorstellen, dass Besuche bei uns ihm immer wieder Bauchschmerzen machen. Denn in einem alten Reetdachhaus auf dem Land halten sich naturgemäß wesentlich mehr Spinnen auf als in seiner modernen Wohnung in Hamburg. Wir bemühen uns selbstverständlich schon bevor er kommt, das Haus leidlich spinnenfrei zu bekommen. Aber das gelingt nicht immer und so haben wir auch schon bei leichtem Nieselregen draußen auf der Terrasse Tee getrunken – weil er sich dabei einfach wohler fühlte.
Leben auf dem Land ist eben nichts für allzu zartbesaitete Menschen. Die Vielfalt der lebenden und toten Tiere, auf die man trifft, ist deutlich höher als in der Stadt. Vor Jahren riefen mich meine Kinder mal: »Mami, komm mal bitte, hier ist eine Schlange!« Ich habe das zwar nicht geglaubt, bin aber sofort ins Kinderzimmer gelaufen. In der Tat saß da eine kleine sorgfältig aufgerichtete Ringelnatter. Und ich war mir sicher, dass das eine dieser Plastik-Reproduktionen ist, von denen es bei uns reichlich gab. Aber dann züngelte sie – also wirklich eine echte Schlange. Es hat mich etwas Überwindung, Tupperware und Küchentücher gekostet, die kleine Natter wieder rauszusetzen – ich gebe zu – ich mochte sie nicht anfassen.
Weniger zimperlich bin ich da mit all den toten Tieren, die meine Katzen mir freundlicherweise auf die Küchenterrasse legen. Früher habe ich Gummihandschuhe angezogen, alles in Zeitungspapier gewickelt und dann im Mülleimer entsorgt. Jetzt, nach vielen Jahren Landleben, nehme ich Mäuse und Ratten einfach beim Schwanz und schleudere sie in den nächsten Knick. Das habe ich auch mal ganz beiläufig gemacht, als eine Freundin zu Besuch war. Die guckte mich völlig entsetzt an und meinte, das sei total eklig, was ich da mache. Das sehe ich anders. Da kommt Natur zu Natur und vor allem verwest nichts in meinem Mülleimer. Mit mädchenhaft kapriziösem Verhalten kommt man nicht weit auf dem Land.
Weil wir Hühner und somit auch Hühnerfutter haben, wohnen natürlich auch Ratten bei uns im Stall. Das lässt sich kaum vermeiden. Es ist nicht so, dass ich die Tiere besonders mag. Aber zum einen sind sie bis auf den Schwanz recht hübsch und zum zweiten tun sie mir persönlich gar nichts. Allerdings stand ich neulich etwas hilflos vor einem Rattennest – fast 20 kleine Rattenbabys, noch nackt und mit geschlossenen Augen. Was tun? Zum Glück war mein tatkräftiger Vater gerade da und nahm mir das Problem ab – er hob das Nest hoch und verschwand damit. Als die Kinder fragten, wo die kleinen Babys mit einem Mal seien, antwortete mein Vater mit weicher Großvaterstimme: »Die wohnen jetzt im Wald.« Ich habe da meine Zweifel, habe meinen Vater aber auch nie gefragt, wie er den Rattennachwuchs entsorgt hat.
Aber es gibt auch Besucher bei uns, die ohne Ratten, Mäuse und Spinnen Probleme haben. Neulich war die Schulklasse meines kleineren Sohnes bei uns zu Besuch. Und beim Abschied saß ein elfjähriges Mädchen draußen auf der Bank und desinfizierte sich sorgfältig Hände und Füße. Kein Witz! Auf meine Frage, warum sie das tue, antwortete sie: »Ich bin mir nicht sicher, ob im Garten alles hygienisch war.« Da hat sie möglicherweise Recht – ich habe die Hühner und Enten lang nicht mehr durchgewaschen.

 

Harriet Heise