Mein Landleben - Folge 19: Vom Leben in der Hochsaison

29. Juni 2015, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Dialog an der Käsetheke: „Wollen wir noch Käse kaufen?“ fragt die Frau. Er brummelt nur: „Brauchen wir nicht.“ „Aber Du magst doch den würzigen so gern. Wie heißt der noch?“ Er: „Brauche ich nicht.“ Die Frau wieder – jetzt zu der Bedienung hinterm Tresen: „Welche Sorten haben Sie denn, die ein bisschen würzig sind?“

Jetzt beginnt eine Intensiv-Beratung über würzige Käsesorten aus dem In- und Ausland. Die Frau probiert interessiert, hält auch ihrem Mann immer mal wieder ein Stückchen hin. „Wie findest Du den?“ „Wir haben doch noch Käse“, kommt die abwehrende Antwort. Eine gefühlte Ewigkeit später entscheidet sich die Frau, drei Scheiben Butterkäse mitzunehmen – nur zu Sicherheit. Dahinter stehe ich mit meinem Einkaufswagen, brauche nur ein Stück Parmesan und versuche, ganz ruhig zu bleiben, was mir mal besser und mal schlechter gelingt.

Diese Szenen kenne ich in hunderten von Varianten. Denn ich wohne an der Ostseeküste, wo es besonders schön ist – und wo vor allem viele viele Campingplätze sind. Und sobald die Saison beginnt, ist die Stadt voller Touristen. Das ist gut so – davon lebt die Region. Im Einzelfall kann es allerdings sehr anstrengend sein. Insbesondere dann, wenn man selbst ein bisschen in Eile ist und auf Menschen trifft, die alle Zeit der Welt haben.

Zum Beispiel an der Käsetheke. Oder vor allem auch auf der Straße. Auch ich liebe das saftige Gelb der Rapsfelder, bremse allerdings den Wagen nicht immer auf 20 Stundenkilometer runter, wenn ich mal eines sehe. Oder fahre grundsätzlich auf einer Bundesstraße nicht schneller als 40, weil mir ja irgendein Pferd auf der Weide entgehen könnte. Ich habe einen recht langen Weg zur Arbeit und brauche im Sommer tatsächlich etwas länger, weil Wohnmobile mit aufreizend langsamem Tempo vor mir herfahren. An diesen Schlachtschiffen der Straße kann man ja weder links noch rechts vorbeigucken, so dass man auch nie zum Überholen kommt. Dann versuche ich mich an einige Grundlagen der Meditation zu erinnern, die ich mal vor langem beim Yoga geübt habe. Und erfinde ständig neue Mantras, die dafür sorgen sollen, dass mein Blutdruck nicht besorgniserregend steigt. Oder ich male mir aus, wie ich in die Politik gehe und ein Tag-Fahrverbot für Wohnmobile als Gesetzentwurf in den Bundestag einbringe.

Ein weiteres Phänomen, das man wahrscheinlich hier im reichen Deutschland auch nur in Touristenregionen finden kann: Kurzfristige Erscheinungen der Mangelwirtschaft. Wenn im Hochsommer mehrere Wochen schönes Wetter aufeinander folgen, dann kann es sein, dass Grillkohle knapp wird, es in der Kühltruhe kein Vanilleeis mehr gibt und Aufbackbrötchen ausverkauft sind. Das erfordert eine sorgfältige Planung und auch langfristige Vorratshaltung.

Neulich hatte ich allerdings ein Erlebnis, das meinen Blick auf diese Dinge wieder etwas verändert hat. Ich war gemeinsam mit Freunden zum Grillen eingeladen – auf einem Campingplatz. Also man muss sagen: Da vorn in der ersten Reihe an der Steilküste zu sitzen mit Blick auf die Lübecker Bucht, das war herrlich. Kein Wunder, dass so viele Menschen zu uns kommen, so schön können sie es zu Haus gar nicht haben. Zudem kam es sehr gut an, dass ich zwei Säcke Grillkohle aus meinem Bestand mitgebracht hatte. Und das Schönste: Ich habe erfahren, dass auf den meisten Campingplätzen eine Mittagsruhe gilt – von 13 bis 15 Uhr bleibt die Eingangsschranke geschlossen. Die Camper können nicht raus.

Also, wenn Sie mich erreichen wollen, bitte nicht mittags anrufen. Da kaufe ich neuerdings ein.