Mein Landleben - Folge 26: Die Geräusche des Sommers

01. Juli 2016, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Ein wunderbar sonniger Juli-Abend. Wir hatten spontan Gäste zum Grillen eingeladen. Hatten mehrere Tische auf den Rasen zu einer großen Tafel zusammengestellt, alles schön eingedeckt und mit Blumen dekoriert – das Ganze sah aus wie in der Gartenbeilage einer Wohnzeitschrift. Aber ganz so idyllisch, wie wir uns vorgestellt hatten, wurde der Abend nicht.

Und das lag einem erstaunlich lauten motorisierten Gerät. Das hatte der Sohn unserer Nachbarin am Abend angeworfen und arbeitete damit hörbar sehr hart. Und sehr lang. Da zwischen unseren Grundstücken eine dichte und hohe Hecke ist, konnten wir nicht genau sehen, was er da eigentlich machte. Mehrere Männer in der Runde waren der Ansicht, dass müsste eine Motorsäge sein, andere glaubten eher an eine Motorsense. Und es gab noch eine Bekannte von uns, die hartnäckig für einen Hochdruckreiniger plädierte. Aber da fehlte eindeutig das Wassergeräusch. Dieses gemeinsame Geräte-Raten war ganz unterhaltsam, insgesamt wäre der Abend noch angenehmer gewesen, wenn der Nachbarssohn nicht erst um 22 Uhr fertig geworden wäre – mit was auch immer.

Bitte verstehen Sie mich richtig: Es liegt mir fern, mich darüber zu beschweren. Immerhin wohnt der Sohn etwas weiter entfernt und es ist zauberhaft, dass er seiner Mutter überhaupt im Garten hilft. Außerdem ist er nur von Zeit zu Zeit da. Mein Vater dagegen hat einen ausnehmend netten Nachbarn, der aber leider den gesamten Sommer über Holz für den kommenden Winter sägt – und zwar mit einer motorisierten Bandsäge. Von Menschen, die am Flughafen wohnen, sagt man ja, dass sie die startenden und landenden Flugzeuge irgendwann nicht mehr hören. Das ist meinem Vater mit der Bandsäge noch nicht gelungen. Er freut sich immer, wenn die Familie Besuch bekommt, denn dann wird nicht gesägt.

Und ich gebe ehrlich zu, auch wir sind nicht immer die geräuschärmsten Nachbarn. Meine Söhne springen auf dem Trampolin am liebsten zu schreiend lauter elektronischer Musik. Die nennt sich Dubstep oder Hardstyle – und strapaziert auch unsere Nerven ganz erheblich. Die ständigen Aufrufe: „Macht das leiser!“ hören sie meist nicht, weil es so laut ist.

Aber man muss auch sagen, dass selbst die typischen Landgeräusche nicht jedem gefallen. Meine Nachbarn zur anderen Seite waren insgeheim sicher ganz froh, als der Fuchs meinen letzten Hahn erwischt hat. Denn ihr Schlafzimmerfenster liegt nah an meinem Hühnerstall und Brutus war nicht nur ein großes, sondern auch ein kraftvolles Tier. Und im Sommer hat er den kommenden Tag gern schon mal um halb vier morgens begrüßt.... Ich habe ihnen versprochen, keinen weiteren Hahn anzuschaffen.

Und auch kleinere Vögel machen nicht jeden glücklich. Meine Mutter lag vor kurzem im Krankenhaus und ärgerte sich über einen Vogel vor ihrem Fenster, weil der ausschließlich ein Geräusch machte – eine Art „Piep“. Es kam nie etwas dazu; kein Triller, keine Melodie, es blieb immer das gleiche eintönige „Piep“. Da meine Mutter eine sehr temperamentvolle Frau ist, die Abwechslung schätzt, hat sie von ihrem Krankenzimmer aus diverse Gegenvorschläge gemacht. Mal gepfiffen, mal gesungen. Aber das hat den Vogel wenig beeindruckt – er blieb immer bei seinem eintönigen „Piep“. Meine Mutter war sehr enttäuscht, dass ausgerechnet vor ihrem Fenster so ein langweiliges und wenig begabtes Tier wohnt.

Aber an einer Motorsäge, Motorsense oder Bandsäge hätte sie wahrscheinlich noch viel weniger Freude gehabt.