Mein Landleben – Folge 31: Der Weg zu mehr Achtsamkeit

05. Mai 2017, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Erst ertönt ein wohlklingender Gong und dann fragt mich eine sanfte Stimme (mit einem leichten schwäbischen Dialekt), ob ich jetzt vielleicht meditieren möchte. Meine Antwort ist ein lautes und klares »Nein«!

 

Schließlich fahre ich gerade auf der Autobahn zu einem wichtigen Termin. Da mal für einige Minuten die Augen zu schließen und die Realität auszublenden, erscheint mir nicht sehr sinnvoll. Nun bin ich allerdings selbst schuld, dass ich inzwischen zu den unterschiedlichsten Zeiten zu mehr Achtsamkeit im Umgang mit mir selbst aufgefordert werde. Ich habe mir nämlich eine Meditations-App auf meinem Handy installiert. Ohne so etwas kann man eigentlich kaum noch leben – zumindest wird einem das gerade von allen Seiten eingeredet. Das klingt ja auch gut, entspannt im Hier und Jetzt zu sein, gelassen wie der Dalai Lama auf Probleme zu reagieren und warmherzig und gütig auf Menschen zuzugehen. Herrlich. Das finde ich auch alles sehr erstrebenswert. Daher die Achtsamkeits-App. Noch bin ich aber mit den Erfolgen nicht ganz zufrieden. Das beginnt mit den morgendlichen Übungen zu Hause. Ich sitze auf meinem Kissen und soll den Tag begrüßen, die Gedanken nur fließen lassen. Der Hund steht aber vor der Tür und jault. Also lasse ich ihn rein, stelle seinen Korb neben die Matte und los geht es wieder. Telefon klingelt. Egal. Wenn es wichtig ist, ruft derjenige noch mal an. Die Gedanken fließen – wer das wohl war? Hoffentlich kein Kind aus der Schule. Ich atme ein und aus – lasse alles geschehen. Der Hund atmet noch lauter, genau genommen schnarcht er. Der ist schon tiefenentspannt. Ich arbeite noch dran. Also, wieder Atem fließen lassen. Es klingelt an der Tür, der Nachbar sammelt für das Kinderfest. Das ist auch wichtig. Ich begegne ihm warmherzig und spende großzügig. Das ist mindestens so gut wie Meditation. Die verschiebe ich mal wieder auf morgen. Wahre Achtsamkeit – habe ich gelernt – zeigt sich sowieso im Alltag. Wenn man Ruhe bewahrt und loslässt. Wenn also zum Beispiel der kleinere Sohn mit einer 5 in Mathe vor einem steht. Wie neulich mal wieder. Ich habe mich bemüht, in aller Ruhe mehrfach auszuatmen. Und dann meinem Sohn mit einem Lächeln zu sagen, dass die nächste Arbeit sicher besser würde. Der guckte mich allerdings mit schief gelegtem Kopf etwas kritisch an und fragte, ob es mir nicht so gut ginge. Die Kinder müssen sich erst an mein neues Ich gewöhnen. Das alte Ich bricht aber erschreckend oft wieder durch. Denn es gibt Situationen, in denen es mir wenig hilft, meine Aufmerksamkeit auf mein eigenes Inneres zu richten. Wenn die Katze im Haus eine Maus jagt, die Kartoffeln angebrannt sind und die Nacktschnecken den schönen Eichblatt-Salat komplett aufgefressen haben. Aber wie wir alle wissen, ist der Weg das Ziel. Und einen entscheidenden Schritt auf dem Weg habe ich gerade gemacht: Ich habe die Meditations-App wieder vom Handy gelöscht. Jetzt kann ich wieder viel achtsamer Autofahren.