Mein Landleben – Folge 36: Oh, wie peinlich ...

09. Januar 2018, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Es war kurz nach der Geburt meines ersten Sohnes und wir waren im Urlaub. Ich war morgens schwimmen, kam gerade aus dem Pool.

Da stand vor mir ein ausnehmend gut aussehender Mann. Und er lachte mich sehr fröhlich an und zwinkerte mir zu. Was für ein Gefühl. Auch als Mutter war ich anscheinend noch attraktiv und das bisschen Hüftspeck schadete meiner weiblichen Ausstrahlung offenbar überhaupt nicht. Sehr zufrieden mit mir und der Welt ging ich zurück in unser Hotelzimmer. Und als ich am Spiegel vorbeikam, wusste ich ganz genau, warum der gute Mann mich so angelacht hatte: Meine Wimperntusche war beim Schwimmen zerlaufen. Ich hatte schwarze Ringe um die Augen und sah nicht umwerfend sexy aus, sondern eher wie ein Panda mit blonden Haaren. Oh, war mir das peinlich. Solche Situationen gibt es im Leben ja leider immer wieder. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mein jüngster Sohn im Supermarkt eine durchaus üppige Dame sah und laut fragte: »Mama, guck mal, wie fett die Frau ist. Ob die durch die Tür passt?« Wenn Blicke töten könnten, wäre unsere Familie zur Hälfte ausgelöscht. 

Und dann gibt es da noch die sehr hübsche Geschichte einer Freundin. Die hatte ihrer kleinen Tochter für das Krippenspiel am Heiligabend ein Engelskostüm genäht. Zauberhaft, mit viel weißem Tüll. Leider war ihre Tochter vor dem Einzug in die Kirche noch einmal im Pastorat allein im Bad gewesen und hatte sich das halbe Kleid hinten in ihre Strumpfhose gesteckt. Von vorne sah sie aus wie ein lockiger Engel – von hinten, als hätte sie eine völlig überdimensionierte Tüllwindel an. Das sorgte natürlich für große Erheiterung in der Kirche. Und meiner Freundin war das schrecklich peinlich. Sie machte ihrer Tochter ständig Zeichen, dass sie ihr Kleid richten solle. Die Kleine verstand aber nichts und winkte immer fröhlich zurück. Es dauerte einige Monate, bis meine Freundin entspannt über diese Geschichte lachen konnte. Es gibt aber auch Menschen, denen ist tatsächlich nur wenig peinlich. Ich erinnere mich da an eine frühere Kollegin, die eigentlich ununterbrochen mit einem Bein im Fettnapf stand. Mal fragte sie eine Sekretärin, ob sie schon wieder schwanger sei. Dabei hatte die nur gut gegessen. Sie konnte sich auch keine Namen merken und fragte Kollegen aus anderen Abteilungen noch nach Jahren: »Hey, sag noch mal schnell, wie du heißt ...«. Und lästerte ungeniert über den Chef, während der hinter ihr stand. Wir anderen standen fassungslos daneben. Aber sie entschuldigte sich schnell lachend und nahm das alles nicht weiter ernst. Wahrscheinlich die bessere Einstellung zum Leben. Denn in einem klugen Artikel habe ich gelesen, dass peinliche Situationen entstehen, wenn wir gegen eine geltende Norm verstoßen und andere es bemerken. Und wer sich weniger um gesellschaftliche Regeln schert, lebt im Zweifel freier und weniger gehemmt. Gelingt nur nicht jedem – und mir schon gar nicht. 

Eines der wirklich peinlichsten Erlebnisse überhaupt hatte ich vor Jahren am Telefon. Eine Bekannte rief mich an und wollte meinen Mann und mich zu einem Abendessen bei ihnen einladen. Nun war es bei dem Paar meist relativ langweilig. Und so fing ich gleich an, mich wortreich zu entschuldigen. Dass wir an dem Tag schon lange eingeladen seien, dass wir auf keinen Fall absagen könnten, wie schade und das täte uns auch wahnsinnig leid. Am anderen Ende war es sehr still. Dann kam der Satz: »Ich hatte noch gar nicht gesagt, an welchem Tag wir euch einladen wollen.« Dumm gelaufen. Sie ahnen es, die Freundschaft ist ein bisschen eingeschlafen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Aber bei aller Peinlichkeit – es war auch ein bisschen befreiend.