Mein Landleben – Folge 38: Reden ist Silber, Schweigen ist langweilig

03. Juli 2018, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Es ist einige Wochen her, da blieb mir mit einem Mal die Stimme weg. Die Diagnose des Arztes: Akute Kehlkopfentzündung. Therapie: Antibiotikum und mehrere Tage absolute Stimmruhe. Mit anderen Worten: Mund halten.

»Das schaffst du doch gar nicht«, grinste mein Mann, als ich ihm das krächzend zu erzählen versuchte. Was für eine Unverschämtheit, dachte ich noch. Aber er hatte natürlich völlig recht. Denn ich bin ein relativ kommunikativer Mensch. Aber nun konnte ich wirklich nur noch bellende Urzeitlaute hervorbringen. Das war für eine differenzierte Unterhaltung sowieso nicht ausreichend. Und es bestand auch die Gefahr, dass die Stimme dauerhaft heiser bliebe, wenn ich weiter reden würde. Also tatsächlich Mund halten.

Das ist gar nicht so einfach. Am Frühstückstisch nach der Butter zu fragen, ist machbar. Einfach darauf zeigen. Schwieriger war schon die pantomimische Frage an meine Söhne, ob einer von ihnen schon die Hühner gefüttert hätte. Das war wie eine Runde in einer Spielshow. Alle guckten mich begeistert an. Es begann ein fröhliches Raten, was ich wohl meinen könnte.
Vögel? Tauben? Essen? Hühner? Ob es Hühnchen zum Mittag geben solle? Ob ich jetzt Hühnchen essen wolle? Ob mein Mann Hühnerfutter kaufen solle? Das Ganze war recht unterhaltsam, aber führte nicht sehr schnell zum Erfolg. 

Also habe ich die nächsten Tagen mit Zettel und Stift gearbeitet. So bin ich zwar über die Runden gekommen, aber Gespräche konnten sich definitiv nicht entwickeln. »Endlich mal Ruhe«, seufzte mein Mann immer mal zwischendurch, um mich zu ärgern. Was ich von diesem blöden Spruch hielt, konnte ich ihm allerdings mit einer Geste schnell und deutlich zeigen.

Aber es gibt ja Menschen, die tatsächlich nicht gern so viel reden. Ein Bekannter von mir geht immer zum Friseur und sagt gleich zu Beginn: »Zehn Euro extra, wenn Sie den Mund halten.« Denn er hasst Small Talk.
Vor Jahren ist er mal mit einem Freund in den Urlaub gefahren. Und die beiden hatten sich darauf geeinigt, dass jeder im Laufe eines jeden Tages nicht mehr als 50 Wörter sprechen dürfte. Damit sollte angeblich überflüssiges Gesabbel vermieden werden. Das Ganze scheiterte spektakulär an einem Abend im Restaurant, als beide dieselbe Frau attraktiv fanden. Nur bedeutungsschwanger zu gucken, reicht meist nicht, um jemanden dauerhaft zu beeindrucken. An dem Abend haben also beide viel geredet. Bis der Freund der Frau kam. Dann herrschte wieder großes Schweigen.

Mittlerweile bin ich wieder bei Stimme. Und das ist auch gut so. Denn mit dem Hund schriftlich zu kommunizieren war nicht möglich. Das läuft jetzt mit Hubert und mir wieder sehr viel runder. Und auch mein Mann hat zugegeben, dass er es nach ein paar Tagen doch etwas langweilig fand – so ganz ohne Kommentare von meiner Seite. So hatte also auch meine stille Phase etwas Gutes.