Mein Landleben – Folge 39: Verloren in virtuellen Welten

04. September 2018, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Im Regal stehen noch ein Lego-Unimog, eine Reihe von Micky-Maus-Büchern und irgendein Star-Wars-Schiff. Das sind die letzten sichtbaren Überbleibsel der Kindheit im Zimmer meines jüngeren Sohnes.

Ansonsten sieht es in dem Raum mittlerweile aus, als wäre er inoffizieller Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes. Zwei gewaltige Bildschirme beherrschen den Schreibtisch, darunter eine Tastatur, die in ständig wechselnden Farben leuchtet. Dazu viele kleine (mir unbekannte) Geräte, eine große Festplatte und mehrere futuristisch anmutende Computer-Mäuse. Sie ahnen wahrscheinlich, womit mein Sohn sich am liebsten beschäftigt: Er spielt am Computer. Wenn ich in sein Zimmer komme und das kritisiere, behauptet er allerdings, dass er gerade ein Referat vorbereiten oder etwas für die Hausaufgaben nachgucken würde. Seine Noten sehen allerdings nicht so aus, als würde er sein Equipment allzu oft für die Schule einsetzen. 

Muss ich mir jetzt Sorgen machen, dass er in Cyberwelten abtaucht, alle sozialen Kontakte abbricht und seinen Hamster im Darknet anbietet? Ich glaube nicht. Und das hat zwei Gründe. Zum ersten hat auch mein vier Jahre älterer Sohn eine Zeit lang viel am Rechner gesessen. Alle meine Versuche, ihn mit diesen schönen Erziehungsweisheiten wie »Medienzeit begrenzen«, »Interesse signalisieren« und »Alternativen anbieten« vom Computerspielen abzubringen, waren vergebens. »Worüber müssen wir denn jetzt schon wieder reden?« war seine genervte Frage, wenn ich wieder mal bei ihm im Zimmer stand. Irgendwann habe ich es einfach gelassen. Und tatsächlich war die Computer-Phase ganz schnell wieder vorbei, als er seinen ersten Führerschein hatte und mobil wurde. Seitdem ist er ständig unterwegs und sitzt nur noch selten am Rechner. Also – einfach entspannt abwarten, habe ich daraus gelernt. 

Und zum zweiten spielt mir das grausam schlechte Internet hier bei uns auf dem Land in die Hände. Denn für eine stabile Verbindung kann eigentlich nur einer zur Zeit im Netz sein. Wenn ich also der Meinung bin, dass mein jüngerer Sohn genug online gespielt hat, setze ich mich einfach mit dem Laptop in den Küchensessel und gucke nach neuen Blumenzwiebeln, Gartengeräten oder auch Schuhen. Und meist dauert es keine fünf Minuten und dann steht mein Kleiner vor mir, beschwert sich und fragt, warum ich ausgerechnet jetzt ins Internet müsste. »Alles rein beruflich; ich muss recherchieren«, antworte ich dann. Als kleine Retourkutsche für seine angebliche harte Schularbeit am Computer.