Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 1

02. März 2017, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Mein Dornröschengarten liegt auf einem Hügel in einem kleinen Dorf und hat die sandigste, trockenste Erde von ganz Schleswig-Holstein. Und er heißt nicht so, weil ich sehnsüchtig auf einen Prinzen warte – den habe ich schon und drei Prinzessinnen dazu – sondern wegen meiner vielen »Alten Rosen«. Zum Hofstaat gehören auch noch eine Katze, ein Jagdhund und eine kleine Damhirschherde.

Alles Gartenignoranten!                                                                                                                 

Sandboden und Rosen, werden die gartenerfahrenen Leserinnen und Leser unter Ihnen jetzt einwenden, wie soll das denn gehen? Ja, mit den historischen Rosensorten funktioniert das und ich habe ja auch noch einen Stauden-, Gräser- und Kräutergarten, über den ich zukünftig gerne berichten möchte: Gartenmenschen wollen einfach das pflanzen, was sie mögen und nicht, was der Boden von Natur aus so hergibt. Wie viel Erfolg und wie wenig Arbeit hätten wir mit einem Gierschgarten? Aber wer will den schon? Und zum Glück gibt es auch genug zähe Pflanzen, die bei liebevoller Pflege blühen und gedeihen.

Endlich wird es Frühling und mein jährlicher Winterblues ist vorbei. Mein Garten steht dank meiner vielen Krokusse, Narzissen, Schneeglöckchen, Winterlinge, Scillas, Anemonen, Lenzrosen und Tulpen in voller Blüte. Jetzt liegen unzählige Saattüten und Aussaatkisten bereit und es wird nach Herzenslust ausgesät. Na ja, zumindest so viel, wie ich dafür Platz habe ... Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt keine Ahnung, wo ich meine armen Sämlinge einquartieren soll, denn jetzt ist es noch zu kalt für den vom Herbst noch recht vollen Folientunnel im Garten. Auf der Suche nach einem warmen und hellen Asyl durchstreife ich unser Haus und in meinem kleinen Mal- und Bücherzimmer – zum Angeben könnte ich es auch Atelier nennen – kommt mir die rettende Idee: der alte Tapeziertisch, ein paar Zeitungen und Plastikfolie zum Abdecken – hier können meine Sämlinge die nächsten Wochen fast unbemerkt weiterwachsen. Dann kann ich dort zwar nicht mehr malen, aber Frau muss auch mal Opfer bringen und in dieser Jahreszeit bin ich ja sowieso auch viel lieber draußen.    

Innerhalb der nächsten zwei Wochen ist es dann wie in jedem Jahr um diese Zeit: Der Folientunnel und alle Fensterbänke im Haus sind mit rasant wachsenden Sämlingen besetzt, die immer mehr Platz benötigen. Aber die Nächte sind ziemlich kalt und ich kann einfach noch nichts herausstellen. »Du hattest doch versprochen, gar nicht mehr so viel auszusäen«, erinnert mich mein Mann. »Wo soll das denn alles hin? Du hattest doch schon im vergangenen Jahr gar keinen Platz mehr!", gibt er weiter und berechtigt zu bedenken. »Jaaa ...«, erwidere ich dann kleinlaut und murmele etwas von »ganz tolle alte Sorten, sozusagen 

einmalig auf dieser Welt ... und nur noch dieses Jahr ...«  Aber niemand hört mir zu. Meine Familie beginnt ernsthaft zu meutern ob der üppigen Vorziehpracht in unserem Haus und ich verspreche, die Saatkisten in den Tunnel im Garten zu bringen. 

Am nächsten Tag habe ich notgedrungen dann noch ein paar getopfte Rosen neben den Folientunnel gestellt, um Platz für die Sämlinge aus der Küche zu schaffen. Nachmittags kam eine Freundin mit einer Handvoll Saattüten vorbei: »Guck mal, gefüllte Marienglockenblumen! Hab’ ich dir aus England mitgebracht, die hast du doch immer gesucht!« Ich habe sie dann gleich alle ausgesät, im Folientunnel war doch tatsächlich noch ein bisschen Platz ... Was für ein Glück!