Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 12

08. Januar 2019, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

 

Welcher Gartenfreund hat um diese Jahreszeit nicht schon wie ich missmutig und genervt am Fenster gestanden und voller Verzweiflung auf seine kahlen, vom Schneematsch durchweichten Beete und vom Sturm gepeitschten Sträucher und Rosen geblickt. Sich zugleich sehnsüchtig gewünscht, dass der Winter doch bloß endlich vorbei sein möge. Dabei wissen wir ja eigentlich alle: Jetzt geht es erst richtig los und wir müssen noch eine ganze Weile durchhalten und warten.

Doch schon am nächsten Tag kann dann alles ganz anders sein: Es hat über Nacht gefroren, der Wind hat sich gelegt, die Sonne wagt sich hervor und mich hält nichts mehr im Haus. Ich muss hinaus. Über Nacht hat sich mein trostloser Garten in eine mit Raureif überzogene, glitzernde Zauberwelt verwandelt. Das Sonnenlicht spiegelt sich in Millionen gefrorener Wassertröpfchen, die in den Zweigen der großen Birken hängen, und das Wechselspiel von Licht und Schatten zeigt meinen Garten in einer grünweißen, silbernen Farbenpracht, die hier und da durch die vielen, ebenfalls glitzernden, kleinen roten Hagebutten der Ramblerrosen ergänzt wird. Ich freue mich über die vielen immergrünen Sträucher wie Skimmien, Mahonien, verschiedenfarbige
Ilexarten und Koniferen, Kirschlorbeer, Rhododendron, Farne, unzählige Helleborus und Nieswurzen. Letztere hatte ich vor vielen Jahren gepflanzt, nachdem ich ein Buch über Gärten im Winter von Rosemary Verey, einer englischen Gartenbuchautorin, gelesen hatte. Meinen Knotengarten und die vielen Hecken und Kugeln aus Buchsbaum hatte ich damals ebenfalls gepflanzt, um einen winterlichen, aber grünen Garten zu haben. Die vielen Buchsbaumpflanzen, die leider einer Pilzerkrankung zum Opfer fielen, betrauere ich zwar immer noch, aber Lonicera nitida ist ein preiswerter immergrüner Ersatz und lässt sich gut in Form schneiden. Die Gehölze sind inzwischen so groß geworden, dass sie dem Garten genug Struktur und einen grünen Hintergrund geben. Der großblättrige Buchsbaum erkrankt zwar auch manchmal, erholt sich aber rasch und stirbt nicht ab. Koniferen, Eiben, Efeu, Lonicera, alle in Gelb, und dazu gelb panaschierter Ilex bringen einen Hauch von Gold und Sonne in den winterlichen Garten. Die Miscanthus-, Diamant- und Hakonechloa-Gräser, die gestern noch matschig und braun aussahen, haben sich in schimmernde Kunstwerke verwandelt. Sogar die gefrorenen Blätter des Frauenmantels glitzern und funkeln wie kleine Juwelen in der Sonne. Ein paar Helleborus-Blüten leuchten zaghaft zwischen den eisigen Blättern hervor und auch ein paar Schneeglöckchen zeigen schon ihre weißen Spitzen. 

Mit einem Becher Tee und einer Wolldecke sitze ich am Gartenteich und beobachte die vielen Vögel, die am Futterhäuschen hin- und herfliegen. Die größere Attraktion sind aber die Steinfrüchte des Efeus, der überall meterhoch in unsere großen Bäume hineinwächst. Bis Mitte Oktober summten und brummten noch Tausende von Bienen darin he­rum, jetzt zanken sich unzählige Vögel um die besten Beeren. Kein Unkraut in Sichtweite, keine Staude abgeknickt, keine dringende Gartenarbeit, die sofort erledigt werden muss. Ich brauche nicht einmal zu gießen. Der Winter kann doch auch sehr schön sein.