Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 17

05. November 2019, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Ja, es gibt sie auch für uns Gartenbesitzer, diese Momente glückseliger Zufriedenheit. Im ganzen Garten blühen noch viele Stauden. Es duftet nach Rosen und frisch gemähtem Gras. Alle Rasen- kanten sind geschnitten, abgeblühte Stauden zurückgeschnitten, vom Wind zerzauste Pflanzen ordentlich hochgebunden, die Hecken sind gestutzt, das Unkraut gejätet und es hat sogar am Tag vorher ergiebig geregnet. Alle Sorgen dieser Welt, Klimawandel, Erdbeben, Steuernachzahlungen, Überschwemmungen und sogar politische Bedrohungen sind vorübergehend ausgeblendet. Wir schlendern zufrieden durch unser grünes Paradies und erfreuen uns am Summen der Bienen, beobachten die Vögel und schnuppern an den letzten Rosen. Die Zeit ist stehengeblieben und wir genießen diesen wunderbaren Augenblick, hoffen, dass er ewig andauert.

So ging es mir letzte Woche. Bis ich zum hinteren Gartenteil schlenderte und ich mich wunderte, warum ich das Schuppendach vom Nachbargrundstück so deutlich sehen konnte. Der große Holzbogen mit den beiden armdicken Kiwipflanzen, den Efeuranken und den zwei großen Kletterrosen war zusammengebrochen und die ganze Bütenpracht lag mit dem Holzgestell am Boden. Wie konnte das passieren? Starker Wind, heftiger Regen, das große Gewicht? Nein, ein Holzpfeiler war unbemerkt verrottet, zusammengebrochen und hatte alles andere mitgerissen.
„Tja, das kannst du ja nun alles unten abschneiden und dann kann man hier endlich mal vernünftig durchgehen.“ War der Kommentar meines Mannes, dem ich die Garten-Katastrophe sofort gezeigt hatte. Das waren nun nicht unbedingt die tröstenden Worte, auf die ich gewartet hatte, denn die Kiwis standen schon mindestens zehn Jahre dort, haben zwar nie getragen und ich musste sie ständig zurückschneiden, aber ich hoffte immer auf das nächste Jahr. Außerdem hatte ich sie von lieben Freunden zum Geburtstag bekommen. Und die „Madame Alfred Carrière“-Kletterrose war vor ein paar Jahren im Winter komplett zurück gefroren und dann fast ein Jahr lang völlig verschwunden. Nur ein einziger Trieb hatte sich nach und nach wieder zu einer üppig blühenden Rosenmasse entwickelt und das sollte ich jetzt alles komplett absägen?

Nach einem kurzen Disput haben wir uns dann am nächsten Tag geeinigt. Mein Lieblingsehemann besorgte Holzbalken und gemeinsam haben wir einen neuen Bogen errichtet. Die beiden Kiwis habe ich schweren Herzens geopfert und abgesägt. Ebenfalls den Efeu und eine nicht duftende Kletterrose. „Madame Alfred Carrière“ konnte ich zumindest zu einem Drittel retten und wieder hochbinden. Ich hoffe, dass sie jetzt mehr Licht bekommt und wieder ordentlich austreibt. Und ich hoffe, dass sie den neu gezimmerten Bogen nächstes Jahr wieder mit einer üppigen, duftenden, weißen Blütenfülle bedeckt. Der Bogen ist jetzt übrigens ein ganzes Stück höher als der alte. Damit auch große Männer unbehelligt von stacheligen Rosenranken darunter hindurch gehen können.