Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 19

03. März 2020, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Endlich! Die Tage werden länger und der langersehnte Frühling kommt. Ich habe vor ein paar Tagen die ersten Saatpäckchen herausgekramt und Platz gemacht für die vielen Aussaatkisten, die ich bald aufstellen möchte. In diesem Jahr will ich unbedingt wieder mehr eigenes Gemüse ernten. 

Wehmütig denke ich an den tipptopp gepflegten Nutzgarten meiner Großeltern, der die ganze Familie früher mit frischem Obst und Gemüse versorgte. Opa hatte seine Radieschen und Mohrrüben immer am Karfreitag ausgesät. Er richtete sich stets nach den Mondphasen und niemals hatten seine Gemüsesorten Würmer oder waren klein und mickrig. Die Vielfalt und der Geschmack von Opas Gemüse war legendär. Aber hing das tatsächlich von den richtigen Mondphasen ab oder von Opas biologisch- dynamischer Anzuchtweise, wie man das heute wohl nennen würde? Gedüngt wurde in seinem Garten mit reichlich Tiermist und eigenem Kompost. Läuse, Raupen und Kartoffelkäfer wurden per Hand abgesammelt oder bekamen eine Dusche aus Schmierseife oder eine Handvoll Steinmehl. Kartoffel- oder Tomatenlaub wurde im Herbst verbrannt. Nur ganz selten wurde gekaufte Saat verwendet, denn Opa hatte immer seine eigenen Sorten, von denen die Saat aufbewahrt wurde. Damit keine Bodenkrankheiten auftraten, wurde streng auf den Fruchtwechsel geachtet und jedes Jahr bekam das Gemüse einen neuen Standort. Schwache Sorten wurden aussortiert.

Aber war das sein ganzes Geheimnis? Wie war das mit dem Mond, wenn Karfreitag doch jedes Jahr an einem anderen Tag ist? Bei abnehmendem Mond fallen die Säfte, die Kraft geht in die Wurzeln oder Knollen und Düngen ist sinnvoll. Bei zunehmendem Mond steigen die Säfte wieder an, die Kraft geht in die oberirdischen Pflanzenteile und bei Neumond sind die Pflanzensäfte auf dem tiefsten Stand. So las ich. Das brachte mich nicht wirklich weiter und auf die vielen Mondkalender wollte ich mich nicht verlassen, weil ich nicht so recht weiß, wer da von wem abschreibt.

Aber zum Glück gibt es ja das Internet, so dachte ich mir auf der Suche nach richtigen Informationen. Von selbsternannten Schamanen, Wunderheilern und Mondphasenexperten bis zu Rudolf Steiner und Maria Thun, deren Empfehlungen mir immer sehr einleuchtend erschienen, war dort alles vertreten. Kein Problem, es gibt ja inzwischen unzählige, wissenschaftliche Studien, die das alles belegen, war mein nächster Gedanke. Außerdem gibt es noch den 27 Tage-Mondzyklus, der sich nach den zwölf Tierkreiszeichen richtet und nach dem es alle paar Tage günstige oder ungünstige Tage für Aussaat und Ernte gibt. Seit Jahrhunderten ist dieses Wissen überliefert und die Haltbarkeit von geschlagenem Holz, die Wundheilung und sogar das Wachstum der Haare, wann es geschnitten oder gewaschen wird, sollen davon abhängen. Nie wieder ein „Bad-Hair-Day“, wenn wir vor dem Haarewaschen auf den Kalender schauen? Großartig! Und immer gesundes Gemüse! Das kann doch nicht nur Spökenkiekerei sein? Zu meiner großen Überraschung haben unzählige weltweite Studien angeblich ergeben, dass der Mond keinerlei Auswirkungen auf jegliches Wachsen und Gedeihen auf unserer Erde haben soll. Sind tatsächlich nur die Bodenbeschaffenheit, die Temperatur und das Licht für unseren Erfolg oder Misserfolg im Garten und auf dem Feld verantwortlich? Irgendwie schade, oder? Aber wenn ich auch nicht die ultimative Anleitung für einen erfolgreichen Gemüseanbau bekommen habe, bin ich doch auch froh, dass ich jetzt weiterhin Haare waschen und Gemüse ernten kann, wann immer ich möchte.