Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 20

12. Mai 2020, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Eigentlich sollte heute mein Putztag sein. Aber weil heute so ein schöner Vormittag ist und die Vögel singen, habe ich mich spontan entschlossen, einen faulen Gartenvormittag einzulegen. Überall grünt und blüht es, die ersten Rosen duften, Hummeln brummen geschäftig in den Akeleiblüten und einige Schmetterlinge sind auch schon unterwegs. Aber auch hier lauert überall Arbeit auf mich. Längst sind noch nicht alle Stauden hochgebunden, auf den Wegen wächst Unkraut und die Blumenkübel mit den Cannas haben immer noch keinen Dünger bekommen. Egal! Heute werde ich ein paar Stunden malen. Beherzt trage ich meine Staffelei, Farben, Pinsel, Leinwand und weiteres Zubehör zum Gartenteich. Die Gräser spiegeln sich so schön im Wasser, das gibt bestimmt ein tolles Motiv. Kaum habe ich alles aufgebaut und meine Leinwand grundiert, scheint mir die Sonne genau ins Gesicht und der erste Käfer klebt auf der Farbe. Außerdem wackelt die Staffelei hin und her, weil die Feldsteine am Teich so uneben sind. Vielleicht sollte ich doch lieber zu den Rosen und Glockenblumen weiterziehen? Dort habe ich Rasen als Untergrund und die Glockenblumen hinter den Funkien haben so ein schönes Blau, das wunderbar zu den glänzenden, grünblauen Funkien passt, deren Oberfläche wie Seide in der Sonne glitzert. Also ziehe ich mit meinem Equipment in die Rosenecke um. Leider sind die Glockenblumen so umgekippt, dass ich die hübsche Rosenblüte gar nicht mehr sehen kann. Kein Problem, ich hole mir schnell etwas Paketschnur und binde sie hoch. Endlich kann ich loslegen.

Die Glockenblumen haben wirklich ein wunderbares Blau. Was mische ich bloß alles zusammen, um diese Farbe hinzubekommen? Viel Titanweiß, etwas Rot und Ultramarin – dann müsste es etwas werden. In meiner Kiste liegt Preußischblau, Pthaloblau, aber das Ultramarin liegt natürlich im Keller. Ich sause los, um es zu holen. Als ich wiederkomme, kleben schon wieder zwei Käfer auf meinem Bild. Weg mit euch! Und während ich die Glockenblumen auf meine Leinwand male, grinst mich ein Büschel Vogelmiere an, das sich frech in mein Beet geschlichen hat. Also schnell das Unkraut herausziehen und entspannt weitermalen, das Vogelgezwitscher und den Rosenduft genießen. Warum habe ich die Aster eigentlich so stiefmütterlich zwischen den großen Gräsern eingepflanzt, frage ich mich. Ein Stückchen weiter hätte sie viel mehr Platz. Das könnte ich eigentlich schnell machen, morgen habe ich es bestimmt wieder vergessen. Zack, schon landet wieder ein dicker Käfer auf meiner Leinwand und klebt gnadenlos auf meinen frischgemalten Glockenblumen fest. Meine Rettungsaktion bekommt beiden nicht gut. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt. Wie hat das Herr Monet vor mehr als hundert Jahren wohl gemacht? Der französische Impressionist hatte sich extra einen wunderbaren Garten in Giverny angelegt, um dort seine berühmten Blumen- und Seerosenbilder malen zu können. Wahrscheinlich hat ihm jemand seine Ausrüstung hin- und hergetragen, ein Gärtner sofort Hand angelegt, wenn ihm ein Makel in seinen Blumenbeeten auffiel, und eine freundliche Hilfskraft lästige Insekten. Das brauche ich alles gar nicht, tröste ich mich, mache schnell noch ein paar Fotos, denn inzwischen ist die Sonne schon wieder weitergewandert und meine Glockenblumen haben im Sonnenlicht einen ganz anderen Farbton angenommen. Irgendwie ist das heute nicht der glückselige, entspannende Malvormittag, den ich mir erhofft hatte, aber ein paar Stunden später ist mein Bild doch noch ganz schön geworden. Mit dem Pinsel lassen sich die Blumen eben auch viel einfacher an den perfekten Platz setzen als mit dem Spaten.