Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 22

01. September 2020, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Haben Schnecken eine Seele? Diese Frage war im vergangenen Jahr das Thema einer lebhaften Diskussion mit zwei netten Gartenbesucherinnen, die mir von ihren Erlebnissen mit unbeliebten „Gästen“ berichteten. Etwa von Rehen, die als wahre Feinschmecker immer genau dann in ihren Gärten auftauchten, wenn die heißgeliebten Rosen voller Knospen seien und diese dann in nur einer Nacht allesamt genüsslich abknabberten. „Aber die Rehe sind ja sooo süß“, war die Meinung der beiden. „Da kann man gar nicht lange böse sein. Und außerdem haben die auch eine Seele.“ Und die Nachbarskatze, die regelmäßig vorbeischaue, das Gemüsebeet durchwühle und als Toilette benutze, weil hier die Erde so schön locker sei, werde geduldet, weil auch sie natürlich niedlich sei. Und außerdem fange sie ja Mäuse. Obwohl ... „Mäuse sind ja auch so süß.“

Mir fielen noch die vielen nützlichen Insekten, Wildbienen und Hummeln ein, die im Garten herumwimmeln. Ja, selbstverständlich ebenfalls allesamt Tiere mit einer Seele. Über die freue ich mich auch, obwohl wir ständig miteinander in Konflikt geraten, weil sie einfach überall ihre Nester in der Erde haben, wo ich gerade etwas einpflanzen oder abschneiden möchte und sie leider immer erst bemerke, wenn sie bereits wütend über mich herfallen und stechen. Da ich sehr allergisch auf ihr Gift reagiere, finde ich unsere Begegnungen leider nicht so lustig, weil für mich dann so ein Gartentag schnell mal im Krankenhaus endet.

Aber welche nützliche Funktion haben bitte Schnecken? Das war dann nicht mehr so eindeutig zu klären. Die Schneckenhäuser sind sehr hübsch, klar. Schnecken, beziehungsweise ihre Eier, dienen Igeln, Tigerschnegeln, Vögeln, Kröten, Fröschen und Blindschleichen als Nahrung. So weit so gut. Jene schaffen es aber nicht, den Bestand merklich zu reduzieren und könnten doch sicherlich genauso gut von Asseln, Käfern, Würmern und leckeren Raupen leben. Die angeblich so seltenen Weinbergschnecken –  wer welche haben möchte, darf sehr gerne in meinen Garten kommen und ein paar Eimer voll mitnehmen, denn hier scheint sich die „Weinbergschneckenaufzuchtstation“ für Schleswig-Holstein zu befinden – fressen manchmal die Gelege der noch unbeliebteren Nacktschnecken. Und angeblich knabbern sie auch nur welke oder kranke Pflanzenteile ab und sind deshalb nützlich. Das mag woanders der Fall sein, aber in meinem Garten fressen sie ausschließlich mein liebevoll in Kübeln gezogenes Gemüse, obwohl überall welke Pflanzenteile und Blätter am Boden herumliegen. Zweimal konnte ich Salat, Kohlrabi und Brokkoli für eine bescheidene Mahlzeit ernten, aber der gesamte Grün- und Spitzkohl, zwei Zucchinipflanzen, diverse Erdbeeren und mein schöner Basilikum wurden eindeutig von Raub-Weinbergschnecken verspeist.

Es heißt, sie seien eine Delikatesse und schmeckten, nachdem man sie lebendig in kochendes Wasser geworfen hat, angenehm bissfest und mit Kräuterbutter bestrichen erdig-nussig. Da ich nicht gerne Fleisch esse, bin ich zum Glück raus und werde nie erfahren, ob das stimmt. Angeblich können wirbellose Tiere wie Schnecken, die kein Nervensystem wie wir haben, keine Schmerzen empfinden. Wer schon mal aus Versehen eine zertreten hat und sich die windenden Überreste anschaut, mag das nicht glauben.

Und wenn so eine arme Schnecke auch noch eine Seele hat, wie wird man die Biester dann human und dauerhaft los? Von erfahrenen Gärtnern, die ihre Weinbergschnecken mit einem Eddingstift oder Nagellack nummeriert über den Zaun geworfen haben, weiß ich, dass es maximal zwei Tage dauert, bis sie wieder im heimischen Garten ankommen, weil sie sehr standorttreu sind. Diese Methode funktioniert also leider nicht. Aber vielleicht haben Sie ja eine bessere Idee?