Erlebnisse aus meinem Dornröschengarten - Folge 23

03. November 2020, Garten-Kolumne Ulrike Kraft-Reimers,

 

Gartencenter und Baumärkte gehören wohl zu den wenigen Corona-Pandemie-Gewinnern, da viele Menschen in diesen schwierigen Zeiten notgedrungen zu Hause bleiben und versuchen, es sich in ihrer eigenen kleinen Welt so gemütlich und schön wie möglich zu machen. Eine Freundin, die in einem großen Gartencenter arbeitet, berichtete jedenfalls von rekordverdächtigen Umsatzzahlen und Lieferengpässen bei Gartenlauben und Schwimmbecken. Auch ich habe fleißig in neue Gartenschläuche investiert, und dank eines üppigen Gärtnerei-Geburtstagsgutscheins hat meine Familie nicht nur die Wirtschaft unterstützt, s­­ondern mir eine riesige Freude bereitet und meinem Garten ein paar neue Schätze geschenkt.


»Noch mehr Pflanzen? Der Garten ist ein ­einziger Dschungel, man kann nirgends mehr durchkommen und der Folientunnel ist ­proppevoll mit eingetopften Stauden!« Natürlich hatte mein Mann eigentlich recht, aber da wir die altersschwache Hundehütte samt Auslauf abgerissen hatten und ich tagelang Schubkarren voller mühsam ausgegrabener Efeuwurzeln entsorgt hatte, gab es jetzt eine große leere Fläche im Garten: Huuuurraaaa! Endlich Platz für arme Rosenstecklinge, die ihr Leben bis jetzt in schattigen Gartenecken oder in viel zu kleinen Töpfen zubringen mussten. Praktisch: Die neu erworbenen Staudenschätze konnten auch gleich ins entstandene Beet.


Und schon war es wieder passiert, frei nach dem Motto: »Alles, was frau schon immer umpflanzen, rauswerfen, verändern oder neu pflanzen wollte, musste jetzt passieren!« Zu enge Wege wurden endlich verbreitert, riesige Strauchrosen ausgebuddelt und versetzt, Steine neu verlegt und allzu durstige Stauden gegen robuste Sträucher ersetzt. Es folgte ein wochenlanger Pflanzmarathon und als ich alles »fertig« – (Wann ist so ein Garten jemals fertig?) – hatte, stand für mich fest: »Das mache ich nie wieder!« Und falls doch, benötige ich dringend ein paar neue Körperteile, da zumindest meine armen Bandscheiben nicht länger Lust haben, zentnerschwere Funkien auszubuddeln, um sie zu teilen. Selbst nach so vielen Jahren Gartenarbeit bin ich immer wieder erstaunt, wo man doch überall Muskelkater bekommen kann.


Inzwischen erholt, war ich dann vor einigen Tagen zum »Gartenangucken« bei einem befreundeten Ehepaar, das seinen schönen, großen Garten seit Jahrzehnten für Besucher öffnet und etwa 20 Jahre älter ist als ich. Und während wir so fachsimpelnd durch den herbstlichen Garten schlenderten, kam alle paar Minuten ein: »Ist das Gras dort nicht toll? Das werde ich teilen und zu den Gauras in den Vorgarten setzen. Die Hortensie da vorne muss woanders hin, die Rose bekommt zu wenig Licht. Und zwischen den Phlox werde ich einen Weg anlegen und anstatt der Stauden kommen dort die Gehölze hin, die ich bestellt habe...« Voller neuer Eindrücke und Ideen bin ich anschließend wieder nach Hause gefahren. Es gibt also noch andere Menschen, die ständig alles umbuddeln ...


Als ich vor 20 Jahren anfing, unsere Wiese hinter dem Haus in einen Garten zu verwandeln, dachte ich, ich mache alles falsch, wenn ich mal wieder meine Beete verändert, Stauden umgesetzt und Wege zugepflanzt hatte, nur um woanders wieder neue Wege zu pflastern. »Irgendwann muss das doch mal alles fertig und perfekt bepflanzt sein«, habe ich immer gemeint und mir die Fotos in meinen Gartenbüchern angeschaut und davon geträumt, auch einmal so prachtvolle Staudenbeete zu haben. Heute weiß ich, dass genau diese ständigen Veränderungen, die neuen Ideen und die »heilige Unzufriedenheit des Gärtners« die Motoren sind, die einen Garten lebendig und spannend halten. Und manchmal, nach genügend Regen, sieht mein Garten jetzt so aus, wie ich es mir damals immer erträumt habe.