Mein Landleben - Folge 18: Das Brahma-Drama

30. April 2015, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Ich war neulich bei Bekannten in Hamburg eingeladen, großes Abendessen, Profi-Koch in der Küche, die Frauen schlank und top-modisch, die Männer lässig und erfolgreich. Und wissen Sie, wer der Knüller des Abends war? Ich. Und das nur aus einem einzigen Grund: Weil ich Hühner habe. Jetzt lachen Sie bitte nicht – aber das war für die anderen Gäste höchst exotisch. Die konnten über die Restaurants in der Stadt, Businessflüge in die USA und zweisprachige Kinder reden. Aber dass da jemand in einem Kleid sitzt und trotzdem Geschichten über Hühner und den Kampf gegen Fuchs und Habicht erzählen kann, das hat sie doch sehr erstaunt. (Wahrscheinlich haben sie sich auch gewundert, dass ich nicht mit dem Trecker gekommen bin.)

Für besondere Rührung sorgte meine Brahma-Geschichte. Die ist auch wirklich traurig. Wie Sie vielleicht schon wissen, habe ich mein Herz an diese großen, dicken Rassehühner mit den puscheligen Füßen verloren. Aber das hat der örtliche Fuchs auch. Und da die Brahma weder schnell noch clever sind, werden sie erschreckend oft Fuchs-Futter. 

Im vergangenen Jahr habe ich keine ausgewachsenen Tiere nachgekauft, sondern mir befruchtete Brahma-Eier besorgt und die in die Brüterei gebracht. Und was für ein Glück: Aus zehn Eiern waren neun kleine Federbällchen geschlüpft, winzig klein und schon mit den typischen Puschelfüßen. Fast drei Monate lang habe ich die kleinen Brahmas in der Garage großgezogen. Lauter quietschlebendige hübsche Vorzeige-Hühner. Und dann waren sie groß genug, um in den Hühnerhof umzuziehen. 

Der Delikatessenladen für den Fuchs war eröffnet. Schon in der ersten Woche war das erste Hühnchen weg. Eine Woche darauf das zweite und so ging das stetig weiter. Ich habe mit dem Förster nach Schlupflöchern gesucht, den Zaun verstärkt, bin regelmäßig mit dem Hund Patrouille gegangen. Alles umsonst. Ende September war meine ganze Nachzucht weg – wahrscheinlich wohnt jetzt der dickste Fuchs des Landes auf der Nachbarwiese. 

Um die Stimmung in der Hamburger Runde wieder etwas zu heben, habe ich dann von Kerstin erzählt. Von einem wirklich unansehnlichen Huhn, das seit Jahren bei mir lebt. Ein sehr mageres drahtiges Tier mit immer schmutzig-weißem Gefieder. Neulich war sie in der Mauser, hatte kaum Federn am Hals und war unbestritten sensationell hässlich. Eines Morgens hörte ich meinen Mann auf der Terrasse laut lachen. »Da ist eben ein fertig gerupftes Suppenhuhn durch den Garten gegangen.« Er meinte natürlich Kerstin. Aber wir haben anscheinend einen anspruchsvollen Fuchs – der steht nicht auf Fast Food.

Lachen am Tisch. Sie sehen also: Die Geschichten, die das Land-Leben schreibt, taugen auch als Stadtgespräch.