Mein Landleben - Folge 16: Vom Verkleiden

15. September 2014, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Neulich wurden mein Mann und ich zum Western-Barbecue im Garten bei Freunden eingeladen – Verkleidung war eindeutig erwünscht. Auf meine Nachfrage hieß es: „Du wirst ja wohl ein Paar Cowboy-Stiefel, einen Hut und ein kariertes Hemd haben!“ Genau genommen nicht. Meine abgelaufenen grauen Cowboy-Stiefel mit der hochragenden Spitze habe ich zur Freude meiner Mutter endgültig mit Anfang zwanzig entsorgt. Da ich selten bei Rodeos oder Rindertrieb-Veranstaltungen bin, habe ich auch keinen Cowboyhut und meine karierten Blusen sehen eher nach englischem Garten-Picknick aus als nach zünftigem Cowgirl-Barbecue.

Überhaupt habe ich mit dem Verkleiden so meine Probleme. Das ging schon als Kind los. Ich habe eine sehr engagierte und kreative Mutter, die alles Gewöhnliche entschieden ablehnt. Und so war es klar, dass ich weder im Kindergarten noch in der Schule wie von mir zart vorgeschlagen als Prinzessin gehen durfte. Viel zu langweilig. Also war ich erst einmal ein Clown, der sich im Spiegel selbst nicht wieder erkannt hat. Dann eine Blume, die leider schon nach zehn Minuten im Kindergarten sämtliche Seidenpapier-Blütenblätter verloren hatte – bei dem Spiel „Sie liebt mich, sie liebt mich nicht“. Von da an war ich eigentlich nur noch eine grüne Strumpfhose mit schlaffer Blüte auf dem Kopf. Und im Jahr darauf bin ich als Braunbär in die Grundschule gekommen. Diesmal in brauner Strumpfhose, mit braunem Rollkragenpulli und einer Bärenmaske, die ich zum Essen praktischerweise abgenommen hatte. Da kamen dann so Fragen wie: „Was bist Du eigentlich, eine Knackwurst?“ Sie sehen, ich bin nicht ganz unproblematisch in die Verkleiderei gestartet. Und so war ich eigentlich froh, das Thema nach der Grundschule hinter mir gelassen zu haben.

Aber dann ging das mit meinen Kindern ja wieder los. Als mein großer Sohn zum ersten Mal Fasching feiern sollte, wollte er gern als Werkzeugkasten gehen. Darüber musste ich sehr lachen, aber noch während ich mir Gedanken machte, wie das genau aussehen sollte, hatte er seine Meinung schon wieder geändert und wollte sich als Ninja-Kämpfer verkleiden – wie angeblich alle seine Freunde. Nun war er erst vier und das Motto im Waldorf-Kindergarten hieß „Zirkus“ – das passte nicht hundertprozentig zusammen. Sämtliche Vorschläge wie Zauberer, Dompteur und auch Clown wurden rundweg abgelehnt. Wir konnten uns dann auf einen Teufel einigen – auch wenn das nicht ganz einfach in den Zirkus zu integrieren war.

Eigentlich war es über all die Jahre mit beiden Jungs etwas kompliziert. Sie wollten sich vorwiegend als furchterregende Killer, Monster oder Star-Wars Krieger verkleiden. Ein Kostüm ohne martialische Waffe war einfach nicht komplett. Aber als ich wieder einmal mit beiden Kindern im Kaufhaus vor den Killer-Kostümen stand, schrie neben uns ein Mädchen ganz laut, dass sie unbedingt wie Hannah Montana aussehen wollte. Die Mutter meinte etwas entnervt, dass die auch nur aussehen würde wie jedes andere Mädchen auch. Da fing ihre Tochter an zu heulen und meinte, sie würde nie wieder zu irgendeinem blöden Fasching gehen wollen, wenn sie nicht genau aussehen dürfte wie Hannah Montana. Und mit einem Mal war ich mit meinen Kampfjungs versöhnt – das war im Verhältnis dazu unkompliziert. Und für das Western-Barbecue habe ich mir übrigens einen Pferdeschwanz gebunden – Verkleidung light.