Mein Landleben - Folge 24: Kopf ab?

08. March 2016, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Neulich habe ich auf dem Markt zehn Eier gekauft. Eigentlich kein spektakulärer Vorgang. Aber es sorgte trotzdem für Gesprächsstoff. Denn an dem Stand weiß jeder, dass ich eigene Hühner habe. Und so kam dann auch gleich die spitze Bemerkung: „Na, legen Ihre nicht mehr? Ist dann ja wohl mal Zeit für Kopf ab – und neue Hühner!“ Und ich guckte etwas verlegen und murmelte Dinge wie: „Mal sehen, kleine Legepause...“

„Das gibt ordentlich Hühnersuppe bei Ihnen – soll ich Ihnen schon mal ein Bund Suppengrün mitgeben?“ ging es munter weiter. Und ich stand da, umgeben von praktischen und tatkräftigen Landfrauen und mochte nicht zugeben, dass das für mich überhaupt nicht in Frage kommt.

Eine Suppe, in der Milva und Marion schwimmen? Für mich undenkbar. Für alle anderen im Dorf allerdings selbstverständlich. Da haben die Nutztiere auch keine Namen. Neulich suchte meine Nachbarin eines ihres Hühner, das war ausgebüxt. Sie ging suchend durch ihren Garten und ärgerte sich laut: „Wieder 7,50 weg.“ Darüber mussten meine Jungs und ich sehr schmunzeln, seitdem nennen wir ihre Hühner alle Siebenfünfzig. Aber diese Tiere müssen bei ihr auch Leistung bringen. Wenn nicht mehr gelegt wird, gibt es Suppe oder Frikassee. Und einen Großeinkauf beim nächst gelegenen Geflügelhändler – acht neue Siebenfünzig. Niemand im Dorf – außer mir – hält Hühner, die nicht legen.

Und vor einigen Wochen haben Freunde von mir sehr gelacht, weil ich mit einem Eimer mit drei kleinen Fischen durch die Gegend gefahren bin. Warum? Mein Mann und mein Sohn haben spontan beschlossen, das Aquarium im Kinderzimmer aufzulösen. Grundsätzlich eine sehr richtige Entscheidung. Das Wasser war ständig bräunlich trüb, die Pflanzen sahen aus wie Moorleichen und in der ganzen Suppe lagen nur noch drei widerstandsfähige Welse am Boden. Die einzigen Fische, die sich an dieses düstere Mikroklima angepasst hatten. Und diese Überlebenskünstler standen in einem Eimer in der Küche, als ich nach Hause kam. Das Aquarium war schon auf dem Dachboden. Wohin mit den tapferen Welsen? Mein Mann machte den Vorschlag, sie einfach bei uns in den Teich zu kippen. Frei nach dem Motto: Nur die Harten kommen in den Garten. Nun ist der zwar ähnlich schlammig wie das Aquarium es war, aber für Warmwasser-Fische sogar im Hochsommer zu kalt. Und so bin ich mit den Dreien durch Ostholstein gefahren, bis ich in einer Zoohandlung eine neue Heimat für sie gefunden hatte. Die haben sich in dem schönen Aquarium wahrscheinlich erst einmal gewundert, wie hell und licht die Welt ist und wie weit man mit Welsaugen doch gucken kann.

Sie sehen also, ich bin nicht so der Kopf-ab-Typ. In meinem Garten leben zähe alte Hühner, die viel fressen und wenig legen, Laufenten, die leider niemals verstanden haben, dass sie eigentlich als Schneckenfresser in den Beeten helfen sollen und auch mein dicker Schwan Benno mit kaputtem Flügel, der beim besten Willen nicht als Nutztier bezeichnet werden kann. Selbst die Natur hilft mir nicht bei der Verjüngung. Bei uns in der Gegend lebt nur ein Feinschmecker-Fuchs, der ausschließlich die jungen und saftigen Tiere holt. Meine Rentner-Gang lässt er seit Jahren in Ruhe. Und so altert mein Tierbestand freundlich vor sich hin. Aber trotzdem – Kopf ab heißt es hier nur bei den Frühstückseiern. Wenn denn mal jemand gelegt hat ...