Mein Landleben - Folge 29: Faszination Fernsehen

21. Dezember 2016, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Mittlerweile kennen Sie meine Hühner mit Namen, wissen, was mein Hund macht, was bei mir im Garten wächst und womit ich mich in der Familie so herumschlage.

Normales Leben auf dem Lande eben. Aber um neue Hortensien, Hornspäne und Hühnerfutter zu kaufen, muss ich von Zeit zu Zeit auch mal ein bisschen arbeiten. Und das mache ich beim Norddeutschen Rundfunk. Vielleicht wissen Sie es – ich bin Moderatorin beim Schleswig-Holstein Magazin. Fernsehen also.

Das klingt aber möglicherweise glamouröser, als es in Wirklichkeit ist. Neulich war ein Handwerker bei uns, der den Küchenabfluss repariert hat. Beim Rausgehen meinte er ganz enttäuscht: „Das ist ja alles ganz normal bei Ihnen – da hätte ich mehr erwartet bei jemandem vom Fernsehen.“ Ja, was denn? Champagner zum Frühstück? Ein Butler, der die Tür aufmacht? Bambis im Regal? Ich arbeite beim Regionalprogramm. Im Prinzip ist mein Leben nicht anders als das jeder Mutter, die in Teilzeit arbeitet. Nur mir kann man bei der Arbeit abends zugucken. Trotzdem hat mein Job anscheinend eine gewisse Faszination.

Nun hat man sich in dem Dorf, in dem ich wohne, an meinen Beruf gewöhnt. Aber wenn ich einkaufen gehe, werde ich doch häufig angesprochen. Das reicht von: „Im Fernsehen sehen Sie viel dicker aus.“ über „Sie haben ja gar keine Locken!“ bis hin zu „Müssen Sie immer diese schrecklich hohen Schuhe tragen?“ Und es gibt zum Beispiel auch eine ältere Dame, die sich im Supermarkt bei mir regelmäßig über das Abendprogramm im NDR Fernsehen beschwert. Manches ist ihr zu anzüglich: „Da bin ich alleine auf dem Sofa rot geworden!“ Manches zu brutal: „Ich konnte danach gar nicht gut schlafen.“ Und auch einige Wiederholungen ärgern sie: „Den Tatort habe ich schon mindestens vier Mal gesehen.“ Anscheinend stört es sie nicht so sehr, dass sie ab- oder umschaltet. Aber leider mag sie mir auch nicht glauben, dass mein Einfluss auf die Abendgestaltung des Senders gleich null ist. Und so höre ich mir das eben geduldig an.

Eine zauberhafte Verkäuferin auf dem Markt glaubt bis heute nicht, dass ich wirklich beim Fernsehen arbeite. Schon vor Jahren sagte sie mir, dass ich mir mal das Schleswig-Holstein Magazin anschauen müsse, da würde eine Frau arbeiten, die sähe mir wahnsinnig ähnlich. Als ich ihr gesagt habe, dass ich das selbst wäre, hat sie nur gelacht. Und gesagt, ich solle mir das einfach mal angucken, das wäre schon verblüffend. Sie glaubt bis heute, dass ich einen genetischen Zwilling beim NDR habe.

Eine weitere Frage, die übrigens viele Menschen beschäftigt, ist die, was ich tagsüber mache. Die Antwort ist unspektakulär: Ich recherchiere, spreche mit den Reportern und schreibe meine Texte. Schließlich bin ich erster Linie Journalistin. Aber so scheinen die meisten Menschen das nicht wahrzunehmen. Wir haben an vielen Tagen auch direkt im Studio Zuschauer sitzen. Und eines Tages nahm mich eine sehr liebenswürdige Dame nach der Sendung beiseite und sagte zu mir: „Das haben Sie eben wirklich sehr hübsch gemacht. Aber haben Sie eigentlich auch einen richtigen Beruf?“ Meine Antwort war: „Leider habe ich nichts anderes gelernt.“ Da war ihr Blick ein bisschen mitleidig ...