Mein Landleben – Folge 33: Erntedank mit Gartenroulette

05. September 2017, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Ich bin glücklich über alles, was in meinem Garten wächst und gedeiht. Auch über meine Obst- und Gemüseausbeute.

»Könntest du das nicht schneller und günstiger auf dem Markt bekommen?« Diese Frage stellte neulich mein Mann und hielt mir dabei eine meiner selbst gezogenen Möhren vor die Nase. Und eigentlich konnte ich ihm dankbar sein, dass er nicht auch noch das kleine Wörtchen »besser« hinzugefügt hatte. Denn tatsächlich sah diese Möhre sehr speziell aus, etwas verwachsen und zudem auch schon von irgendeinem hinterhältigen Parasiten angefressen. Die klassische Antwort auf diese Frage ist wie so oft: »Ja, aber ...« Nun macht es prinzipiell sowieso wenig Sinn, mit einem Mann, der Gemüse schlicht als Streckungsbeilage für das vorhandene Fleisch auf dem Teller betrachtet, über einen Gemüsegarten und seine Erträge zu diskutieren. Aber grundsätzlich hat er natürlich Recht. Wenn man die Kosten für Samen und Dünger und vor allem für die eingesetzte Arbeitszeit berechnet, dann wäre ein wöchentlicher Einkauf auf dem Markt sicher effizienter. 

Aber ich würde auch vieles vermissen. Unter anderem das hübsche kleine Spiel, das sich mit unseren Nachbarn entwickelt hat. Es begann damit, dass ich eines Morgens einen großen Eimer mit selbst gezogenen Kartoffeln vor meiner Tür stehen hatte. Erstklassige, goldgelbe festkochende Kartoffeln aus seinem Garten. Als kleines Dankeschön – und weil ich sowieso gerade mit dem Ernten gar nicht mehr hinterher kam – brachte ich ihm denselben Eimer voller Pflaumen zurück. Das wurde wenige Tage später mit einigen armdicken Zucchini beantwortet. Woraufhin ich im Gegenzug eine Tüte mit Äpfeln an seine Tür hängte. Sie können sich vorstellen, wie es weiterging. Das Ganze verläuft seitdem weitestgehend ohne Kommunikation und hat einen großen Spaßfaktor. Man weiß nie, was man wann mit einem Mal zu verarbeiten hat  – sozusagen Gartenroulette. Nächstes Jahr, hat er angekündigt, wollen wir früher anfangen, schon mit der Rhabarber-Saison. 

Dieses Spiel hat auch einen weiteren großen Vorteil: Ich weiß, was ich mit meinen überschüssigen Erträgen machen kann. Denn irgendwie ist immer alles dann erntereif, wenn ich es partout nicht brauchen kann. Zum Beispiel direkt in den Tagen vor unserem Sommer-
urlaub. In der Woche davor sah alles noch klein und unscheinbar aus. Am Tag vor unserer Abreise hatte ich vier erstklassige Köpfe Blumenkohl, kiloweise Buschbohnen, mindestens zehn Zucchini und auch noch sechs große Spitzkohlköpfe. Was nun? Während andere vor ihrer Reise noch einmal die Hemden aufbügeln und die Sommerkleider heraussuchen, habe ich Bohnen und Blumenkohl eingefroren, Zucchini mariniert und zum Mittagessen Spitzkohl gemacht. Und den Rest? Sie ahnen es – den habe ich beim Nachbarn vor die Tür gestellt. 

Und die wenig geglückte Möhrenernte? Kein Problem. Die krummen Dinger werden verkocht. Dann hoffe ich, dass die Ausbeute bei meinem Nachbarn besser war und irgendwann mal Möhren vor der Tür stehen. 

Und was sonst noch gebraucht wird, kaufe ich auf dem Markt. Geht auch, ist aber nicht so unterhaltsam.