Mein Landleben – Folge 34: Es liegt was in der Luft ...

07. November 2017, Harriet Heise - Mein Landleben,

 

Im Herbst habe ich immer eine große Schale reifer Quitten auf dem Tisch und in der Adventszeit mit Nelken gespickte Orangen: Ich liebe es, wenn es im Haus duftet. Nach Blumen, nach Früchten, nach Weihnachten.

Allerdings sind meine Bemühungen um wohlige Gerüche ein steter Kampf. Selbst eine gute Duftkerze hat Probleme, gegen einen nassen Hund anzukommen. Oder gegen ein Meerschweinchen, das seit Wochen nicht mehr sauber gemacht wurde.

Das sind aber alles Kleinigkeiten gegen das, was mein jüngerer Sohn mir da neulich geboten hat. In seinem Zimmer roch es seit einigen Tagen sehr streng. Zusätzlich hatte sich eine Armada von Insekten dort versammelt. Irgendetwas hatte sie angezogen. Irgendetwas, das wahrscheinlich in einem unappetitlichen Zustand war. Der Zwerghamster Manni im Käfig war am Leben - das war mein erster Verdacht. Mein Sohn reagierte empört und verbot mir, sein Zimmer genauer zu untersuchen. "Darum kümmere ich mich selbst", sagte er mir streng. "Aber schnell", war meine Antwort, "bevor die ersten Aasgeier über dem Haus kreisen." Nach dem Satz wurde mir die Tür vor der Nase zugemacht. 

Später hörte ich Türenschlagen und schweres Räumen. Gemeinsam mit dem älteren Bruder brachte er das kleine Schränkchen, das unter dem Schreibtisch stand, in die Garage - verfolgt von Insekten. In dem Schrank hatte er (augenscheinlich für sehr lange Zeit) eine angebissene Paprika liegen lassen. Die stank unfassbar, hatte sich mittlerweile verflüssigt und war zur Lebensgrundlage verschiedener niederer Organismen geworden. 

Dass sein großer Bruder ihm geholfen hat, war kein Wunder. Der hat auch große Erfahrung mit vergessenen Lebensmitteln. Ich werde niemals den Geruch vergessen, der aus seinem Spind an der Grundschule kam. Da hatte über Jahre ein Brötchen mit Salami verschiedene Stufen der Vergänglichkeit durchlaufen. Mein Sohn gab auch etwas verlegen zu, dass er den Spind nie mehr geöffnet hatte, weil er den Geruch nicht ertragen konnte. Verständlich. Aber erstaunlich, dass sich nie jemand aus der Schule bei uns beschwert hat. 

Nun ist also Adventszeit, in den Zimmern der Jungs ist anscheinend nichts Verderbliches mehr versteckt, auf dem Ess-
zimmertisch liegen die gespickten Orangen und trotzdem kommt rein olfaktorisch kein echter Weihnachtszauber auf. Das liegt an einer neuen Leidenschaft meiner Söhne: selbstgemachte Burger. Und so zieht abends oft der relativ
dominante Geruch von Bratfett durchs Haus. Wenigstens lockt der außer dem Hund keine weiteren Tiere an. Und dann sage ich mir immer, dass es wichtig ist, sich auch über die kleinen Dinge freuen zu können und zünde meine VanilleDuftkerze an.