Kolumne Ines Barber - Frisch un free (Folge 6)

05. November 2019, Ines Barber,

 

((platt))

Wienachten in‘t Hart

Perfekt! Mien Wienachtsboom weer perfekt! Puuhhh. Dat weer Hilligavend, un ik schull noch los. Müss mien ole Mama ut Pleegheim afhalen. Noch fix en Blick op dat gröne, funkeln Prachtstück inne goode Stuuv. De Boom hung vull mit düre, bunte Figurn ut Glas. Bit Middernacht harr‘k allns vörbereit. Eten, Deko, eenfach allns. Ik weer nu al schachmatt. Dörch mit‘ Fest. Man nütz nix, Mama schull sik so richtig freien. Se weer dormols al hoch in ehre Achtiger, meist blind, kunn heel slecht hören, un de Demenz harr ehr ok bös to faat.

Man af un an, dor blitz mien wohre Mama noch dörch, kunnen wi uns verstännigen. Noch fix den Hund utsparrt, nich wat de lütt Rabauk womööglich den Boom … blots nich. Un af vun Hoff*.

As wi denn tohuus ankemen, dor bün ik as eerst rin inne Stuuv un wull de Lichter an Boom andreihn, tadaaaa! Man, wat weer dat? Ünner‘t grote Finster seilen* enkelte* Schören* vun mien schöne Wienachtsboomsmuck. De Boom harr sik dat al mol kommodig makt un leeg platt vör‘n Fernseher! He seeg* so ut as ik mi föhl. Oh nee, blitzordig heff ik mien ole Mama op‘ Sofa manövreert, en Koffi opsett, den CD-Speeler mit „Stille Nacht – heilige Nacht“ opdreiht un denn mien Broder anropen. Fief Minuten later stunn he as Rambo inne goode Stuuv, de elektrisch Motorsaag in Anslag. Mama blinzel inne Goarn, de Höllenlarm vunne Elektrosaag brüll gegen de Wienachtsmusik ut‘n CD-Speeler an. Se kreeg nix mit. Irre. Un ik wull för ehr doch een schönet, kommodig, en festlich, en perfektet Wienachten!

As dat mol‘n Momang still weer, dor höör ik se brummeln, ehr lütt Gesicht strohl fründlich, un wieldeß se den Hund noch mit‘n Stück Honigkoken versorg, see* mien ole Mama in ehr Stakkato-Demenz-Spraak: „Schön, de Familie, de Boom, Leevde, al tohoop.“ Perfekt? Nee, dor heff ik nix vun höört.

((hochdeusch))

Weihnachten im Herzen

Perfekt! Mein Weihnachtsbaum war perfekt! Puuhh. Es war Heiligabend, und ich musste noch los. Ich sollte meine alte Mama aus dem Pflegeheim abholen. Noch schnell ein Blick auf das grüne, funkelnde Prachtstück im Wohnzimmer. Der Baum hing voll mit glänzenden, bunten, teuren Figürchen. Noch bis Mitternacht hatte ich am Abend vorher alles vorbereitet. Essen, Deko, einfach alles. Ich war jetzt schon komplett durch und alle. Aber, nützte nix, Mama sollte sich so richtig freuen. Sie war damals schon hoch in den Achtzigern, fast blind und taub, und auch die Demenz tat ihr böses Werk. Aber manchmal, da blitzte noch meine wahre Mama durch, konnten wir uns verständigen. Nun noch schnell den Hund ausgesperrt, nicht dass der Rabauke womöglich noch den Baum … bloß nicht. Und los.

Als wir dann zu Hause ankamen, bin ich schnell zuerst alleine in die Stube. Wollte die Lichter am Baum anknipsen. Aber – was war das? Unterm großen Fenster dümpelten etliche bunte, zarte Scherben! Der Baum hatte es sich schon mal gemütlich gemacht und lag bereits platt vorm Fernseher. Er sah so  aus, wie ich mich fühlte. Oh nein, blitzartig habe ich meine alte Mutter auf‘s Sofa manövriert, einen Kaffee aufgesetzt, den CD-Spieler laut „Stille Nacht – heilige Nacht“ spielen lassen, um dann meinen Bruder zu Hilfe zu rufen. Fünf Minuten später stand er wie Rambo im Wohnzimmer, die elektrische Motorsäge im Anschlag. Unsere Mutter blinzelte fröhlich ins Nichts, der Höllenlärm der Elektrosäge duellierte sich mit der Weihnachts-CD. Mama bekam nichts mit. Irre. Und dabei wollte ich ihr doch ein schönes, gemütliches, festliches und perfektes Weihnachten bereiten.

Als es mal einen kurzen Moment ruhig war, da hörten wir Mama murmeln. Ihr kleines Gesicht strahlte, und während sie nebenbei noch den Hund mit Honigkuchen versorgte, sagte sie in ihrer Stakkato-Demenz-Sprache:

“Schön, die Familie, Liebe, alle zusammen.“ Perfekt? Nein, das Wort kam nicht vor.