Kolumne Ines Barber - Frisch un free (Folge 10)

07. Juli 2020, Ines Barber,

 

Plattdütsche Version

Na, mien Deern!

Dat gifft plattdütsche Schnacks, dor kannst mien Hart op’n Stutz* mit opsluten: »Na, mien Deern, wo geiht?« oder ok »Na, mien Deern, wat schasst hebben?« – De gülln Slötel sünd de beiden Wöör mien Deern. Letzt stunn ik mol wedder op’n Markt bien Gröönhöker*. De fründlich Verköper fung jüst so an: »Na mien Deern!« Wat herrlich! Begäng* hier in Norden.
Neven mi stunn’ Fro, de keek en beten verbaast. As se losleeg un ehr Bestelln opgeev, dor höör ik dütlich, tjo, de kümmt ut’n Süden. Un klick! Mien Deern! Dat höört sik doch för’n Nich-Platte an, as »Na, meine Dirne«! Hallooo, wat? Nee, Lüüd, dor reist jo kumplett op’n falsche Damper. Mit de Dirne hett mien Deern nix to doon, ofschonst … Also, fröher, gaaaanz fröher, dor hebbt se jeeds Mädchen un jeed Magd Dirne nöömt. Man över de Johrhunnerte hett sik de Bedüden in’t Hochdütsche denn bös verwannelt. De Dirne weer denn de Prostituierte.
Bi de Plattdütschen is mien Deern jümmers noch en heel un deel fründliche, meist leeftallig* Anreed för Froons in jeeds Öller. Eenfach mein Mädchen, blots schöner. Un dor freist du di. Wat Sünn, wat so’n Fro ut’n Süden sik meist verfeert*! Oder se dinkt, »na, die Leute hier im Norden sind nun mal rau, aber herzlich« … Nee, nee. Wenn ik dat neegst Mol so’n verbaast Blick opschnapp, du, ik dreih mi üm un verkloor de Frömde fix uns Spraak un dat mien Deern sowat as’n Ritterslag is! De schall strohlen un sik doch ok freien, wenn hier baven mol en to ehr seggt: »Na, mien Deern, wo geiht?«

Een poor Wöör:
op’n Stutz – sofort
Gröönhöker –
Gemüsehändler
begäng – üblich
leeftallig – zärtlich
verfeert – erschreckt

Hochhdeutsche Version

Na, mien Deern!

Es gibt plattdeutsche Redewendungen, die schließen sofort mein Herz auf. Zum Beispiel: »Na, mien Deern, wo geiht?« oder »Na, mien Deern, wat schasst hebben?« – Der goldene Schlüssel steckt in mien Deern. Letztens stand ich mal wieder auf dem Wochenmarkt beim Gemüsehändler.
Der freundliche Verkäufer fing dann auch genauso an: »Na, mien Deern!« Ach, herrlich! Normal hier im Norden. Neben mir schaute eine Kundin kurz irritiert. Aber als sie dann ihre Bestellung aufgab, da hörte ich es deutlich, sie stammte aus dem Süden. Klick! Mien Deern! Das muss sich doch für Nicht-Plattdeutsche anhören wie »Na, meine Dirne!«. Oh je.
Nee, Leute, da kommst du ja ins völlig falsche Fahrwasser. Mit der Dirne, also der Prostituierten, da hat mien Deern nichts zu schaffen, obwohl … also, früher, gaaaanz früher, da nannte man jedes Mädchen, jede Magd Dirne. Dann hat sich, allerdings nur im Hochdeutschen, über die Jahrhunderte die Bedeutung verwandelt. Mit Dirne bezeichnen wir seit jenen Tagen die Prostituierte. Doch im Plattdeutschen ist mien Deern schlicht eine immer noch durch und durch freundliche, zärtlich anmutende Anrede für Frauen jeden Alters. Da freust du dich einfach. Ist doch Sünde, wenn sich eine Frau aus dem Süden womöglich erschreckt und peinlich berührt ist! Oder sie denkt: »Na ja, die Leute hier im Norden sind eben rau, aber herzlich« … Nee, das nächste Mal, wenn ich so eine peinliche Irritation bemerke, dann verklicker’ ich freundlich, was es mit mien Deern hier auf sich hat und dass man mien Deern wie einen Ritterschlag parieren muss. Strahlend. Die soll sich doch auch freuen, wenn sie mal das Glück erleben darf und hier mit mien Deern angesprochen wird!