Kolumne Ines Barber - Frisch un free (Folge 11)

01. September 2020, Ines Barber,

 

Plattdsch. Version

Smacht* mit Macht

Kennst dat? Sünnavend Klock tein an Avend un keen Naschis wiet un siet. Nützt nix, hoch vun’t Sofa un - de Jieper in‘ Blick – marscheerst hen na de Tanke: Schoklaad köpen. Beten pienlich, man egol. Wenn de Smacht mit Macht ankloppt, kriggst Flünken.

Letzt sitt ik al inne Schummertiet an Avend inne gode Stuuv un bekiek mi de Goarn. N‘ köhle Wien in’t Glas. Direkt anne Terrass heff ik en lütt Vagelhuus. Middewiel pack ik dor dat heele Joar wat rin, se fangt jo nich mihr so veele Insekten. Dacklünken*, Meeschen*, Drussel*, Bookfink*, af un an sogor’n Dompaap*. Is beter as Fernsehen. Op eenmol gurrt un fladdert dat gewaltig, un – rumms - en blau-griese, dicke Duuv lannt op‘ Dack vun mien Vagelhuus. Een Ries mang de Dwargen*, so süht dat ut. De Lütten? Weg. Man wat nu? Woans will düsse Oschi denn an’t Fudder komen?

De Duuv mutt ok överleggen. Se pedd vun en Been op‘ anner. Af un an reckt se den Hals as dull un geiht vörsichtig heel an‘ Rand, versöcht dat un will vun baven total verdreiht anne Sünnblomenkarns. Meist geiht se dorbi koppeister. Wat för de lütten Vagels en Kinnerspeel is, nee, dat schafft de Duuv nich. To groot, to swor. Ik nehm noch’n Sluck Wien un luer.

Un denn: Op e enmol nimmt se al ehr Kraasch* tosomen un muteert toonKolibri! De Duuv flüggt üm’t Vagelhuus rüm, steiht en lüür lütte Momang wohrhaftig inne Luft, un denn sitt se ok al op de Karns in’t Huus un fritt un fritt. Respekt! Duuven sünd ok blots Minschen. De koomt as wi op Ideen, wenn de Smacht riesengroot wart.

 

En poor Wöör:

Smacht: sehnsüchtiges Verlangen, Hunger

Dacklünk: Spatz

Mees, Mesc:h Meise

Drussel: Drossel

Bookfink: Buchfink

Dompaap: Dompfaff

Dwarg: Zwerg

Kraasch: von frz. Courage, Mut

snaaksch: seltsam, verrückt

Hochdeutsch:

Gier macht mutig

Kennen Sie das? Zehn Uhr am Samstagabend, und nix Süßes im Haus. Also hoch vom Sofa, und mit dem Jieper im Blick marschiert man zur Tanke: Schoki kaufen. Ja, das ist etwas peinlich, aber egal. Die Lust auf Süßes verleiht Flügel.

Vor wenigen Tagen sitze ich so gemütlich beim Wein im Wohnzimmer und schaue träumend in meinen Garten. Direkt an der Terrasse steht das Vogelhaus. Mittlerweile füttere ich die Vögel das ganze Jahr über. Sie finden ja immer weniger Insekten. Spatzen, Meisen, Drossel, Buchfink, ab und an sogar ein Dompfaff. Ist besser als fernsehen. Auf einmal gurrt und flattert es gewaltig, und – rumms – eine blau-graue, dicke Taube landet auf dem Dach meines Vogelhauses. Ein Riese unter Zwergen. So sieht das aus. Die Lütten? Weg. Aber was jetzt? Wie will dieser Kawenzmann denn ans Futter kommen?

Auch die Taube grübelt. Sie tritt von einem Bein aufs andere. Immer wieder reckt und überstreckt sie ihren Hals, geht vorsichtig an den Rand, versucht, von oben mit aberwitzigen Verrenkungen doch ans Futter zu kommen. Fast stürzt sie dabei ab. Was für die kleinen Vögel ein Kinderspiel ist, das schafft sie nicht. Zu groß, zu schwer. Ich nehme noch einen Schluck Wein und beobachte sie weiter gespannt.

Und dann: Auf einmal nimmt die Taube all ihren Mut zusammen und mutiert zu einem Kolibri! Sie fliegt ums Vogelhaus herum, steht wahrhaftig einen klitzekleinen Moment in der Luft und landet dann mitten auf den Körnern im Häuschen. Mahlzeit und Respekt! Tauben sind auch bloß Menschen. Die kommen wie wir auf Ideen, wenn der Appetit sie verrückt macht.